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taz Nord vom 04.05.2019

Aus Sicht des Kindes

 In Hamburg gibt es neuerdings die Fortbildung zur „Fachkraft für Kinderrechte“

Von Niels Holsten

Das Thema Kinderrechte ist oft in aller Munde. Bereits im 1992 trat in Deutschland die „UN Kinderrechtskonvention“ in Kraft. Und im Jahr 2000 fiel mit dem „Gesetz zur Ächtung von Gewalt in der Erziehung“ das Züchtigungsrecht der Eltern. Doch ins Grundgesetz haben es Rechte für Kinder bis heute nicht geschafft. Damit Kinderrechte in der Praxis umgesetzt, weiterentwickelt und in die Gesellschaft getragen werden, hat der alternative Wohlfahrtsverband Soal nun in Zusammenarbeit mit Mitgliedsgruppen eine Fortbildung zur „Fachkraft für Kinderrechte“ konzipiert.

Hintergrund ist auch die seit 2015 geltende Verpflichtung der Kitas, neben einem pädagogischen Konzept auch ein Kinderschutzkonzept zu erstellen. Dabei sei der Wunsch nach einer Fortbildung entstanden, bei der es um mehr gehe, berichtet Julia Klimczak. „Wir wollten weg von der Engstirnigkeit, lediglich Schutzkonzepte gegen den Kindesmissbrauch zu entwickeln.“ Klimczak ist Fachberaterin bei Soal und war an der Konzeption des Kurses beteiligt. Diese solle dazu anregen, den Blick zu weiten: „Vom Blick des Kindes aus, hin zur gesellschaftspolitischen Perspektive“.

Und die wird weit gefasst. Sie fängt an bei Produkten mit Mikroplastikstoffen, die noch immer in Kitas erlaubt seien und Kinder gesundheitlich schädigen könnten, bis hin bis zu Exporten von Waffen, mit denen potenziell auch Kinder getötet werden könnten.

Soal kritisiert die Verengung des Kinderschutzes auf körperliche und sexuelle Gewalt. Ein Verständnis müsse „alle körperlichen, geistigen und seelischen Gefährdungen und Einschränkungen, auch solche durch technische, chemische, ökonomische, umweltschädigende oder bildende Prozesse“ mit einbeziehen.

Es gehe darum, Räume für Kinder zu schaffen. „Die Frage muss sein: Was braucht es an Gestaltung der Lebenswelt von Kindern“, sagt Klimczak, „wie muss Planung aussehen, damit sie sich gesund entwickeln und entfalten?“

Während der Fortbildung, die offen ist für alle Menschen aus der sozialen Arbeit, sollen die Erwachsenen auch für „mögliches grenzverletzendes Verhalten bei der täglichen Arbeit mit Kindern“ sensibilisiert werden, und darauf, „was deren Bedürfnisse sind“. Dabei spiele eine gewaltfreie Kommunikation eine wichtige Rolle, sagt die Diplompädagogin, die selbst zehn Jahre in der Jugendarbeit tätig war.

Insgesamt eineinhalb Jahre dauert die Fortbildung, die sechs Module umfasst und von fünf ReferentInnen geleitet wird. Es beginnt mit dem „Blick nach Innen“. Es soll das pädagogische Handeln reflektiert werden: „Warum reagiere ich in bestimmten Situationen so? Warum triggern mich bestimmte Verhaltensweisen oder Situationen so?“, erläutert Klimczak.

Die Teilnehmer kommen aus den Kitas, der Ganztagsbetreunng an Schulen und der Kinder- und Jugendhilfe. Deshalb soll vor allem auf Prozesse innerhalb der Einrichtungen geschaut werden. Indem das Kind im Mittelpunkt stehe, verändere sich die Sicht, erläutert Klimczak: „Das bietet die Chance, dass sich die Zusammenarbeit im Team, mit den Kindern und Eltern nachhaltig ändert“.

Es wird auch gefragt, was die Pädagogen selbst brauchen, um so arbeiten zu können, dass die Kinder gesehen und begleitet werden können. Die Menschen der unterschiedlichen Arbeitsbereiche sollen sich austauschen und vernetzen: „Es fehlt häufig Zeit und Raum für Fachaustausch zwischen den Fachkräften, und den wollen wir herstellen“, sagt Klimczak. Am Ende der Fortbildung stehe dann die praktische Umsetzung der Inhalte.

Das mit dieser Fortbildung nicht alle Probleme gelöst sind, sieht auch Klimczak: „Es sind schließlich Menschen, die wir begleiten.“ Und die bräuchten im Alltag eine Personalausstattung, die Zeit lässt für einen umfassenden Blick auf jedes Kind: „Wenn eine Fachkraft für zehn Kinder zuständig ist, ist das schwer möglich.“

Den Fachkräftemangel bekam auch Soal zu spüren. Der erste Termin für die Fortbildung wurde mangels Anmeldungen verschoben: „Es ist aufgrund der Situation für die Einrichtungen schwierig, Personal freizustellen“, sagt Klimczak. Nun seien 14 der 18 Plätze belegt und die Idee der Kinderrechte könne in die Einrichtungen getragen werden. „Die Vision“, sagt Julia Klimczak, „ist, eine neue Kultur zu schaffen“.

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