Bildungskongress (18.07.2010)

Eine Gruppe von Frauen sitzt an einem Tisch und betrachtet konzentriert einige Gegenstände, die sie auf dem Tisch angeordnet haben; zwei Teelöffel, einen Keks, eine einzelne Untertasse und eine Tasse, die auf einer Untertasse steht. Sie alle sind in bestimmten Abständen zueinander angeordnet. Nun fährt der Zeigefinger einer der Frauen an den Gegenständen entlang. Sie beginnt beim ersten Teelöffel. Augenblicklich fangen die anderen an, auf Rasseln, Klanghölzern, Schellen und anderen Instrumenten zu spielen. Als der Zeigefinger den zweiten Teelöffel passiert, ändert sich die Musik, denn nun übernimmt das Xylophon einen kleinen Solopart. Der Zeigefinger wandert weiter und jetzt setzen auch die Klanghölzer wieder ein. Beim Keks angekommen, brechen die Instrumente ab und die Frauen setzen ihre Stimmen ein. Als der Zeigefinger die Untertasse und Tasse erreicht, ist das Stück zu Ende. Soeben hat die Gruppe eine kleine eigene Komposition erstellt und anhand der Gegenstände ausgemacht, wann welche Stimme an der Reihe ist. Kurze Zeit später wollen sie ihr Stück den anderen Teilnehmern vorstellen. Dazu brauchen sie nur die Anordnung wiederherzustellen. Teelöffel, Keks, Untertasse, Tasse und Untertasse werden in die richtige Reihenfolge gebracht und los geht’s! Das Stück erklingt zum zweiten Mal.
Wir befinden uns auf dem 2. SOAL- Bildungskongress,der am 18. und 19. Juni in Hamburg von dem Dachverband SOAL (Hamburg) und der WeltWerkstatt (Köln) veranstaltet wurde. Im Workshop „Mit Kindern Musik entdecken“ des Referenten Johannes Beck-Neckermann, Würzburg, ging es für die Teilnehmenden darum „die Welt zum Klingen zu bringen“ und sich selbst als KlangforscherIn und MusikgestalterIn zu entdecken.
Ein anderes Lernen, das nicht durch intellektuelle Wissensvermittlung, sondern durch das Erleben von vielfältigen Erfahrungen geprägt ist, stand im Vordergrund des zweiten Bildungskongresses in Hamburg. Die acht Workshops sollten Anleitung dafür sein, den Erfahrungsschatz der Kinder mit intuitivem Erleben anzufüllen. Prof. Dr. Gerd Schäfer, der auch das Eröffnungsreferat hielt, sagte: „Es ist gut, wenn Kinder in vielen Bereichen vielfältige und intensive Erfahrungen machen oder – anders ausgedrückt – viele Geschichten erleben und kennenlernen. Sie sind der Ausgangspunkt für weiteres Lernen.“
Rund 150 Erzieherinnen und Erzieher nahmen an den Workshops teil, erprobten sich und lernten Neues kennen. Im Workshop „Ästhetische Bildung“ mit Sonja Hagen, Münster, befassten sie sich mit Kleister, Ton und Farben. Mit Martin Legge, Hamburg, entdeckten sie die Stadt als Spiel- und Bewegungsraum. Referentin Kerensa Lee leitete dazu an, Mathematik „zu erfinden“, was mit unzähligen Münzen und anderem Material in rauen Mengen gelang. Der Schwerpunkt des Workshop „Natur“ , angeleitet von Marjan Alemzadeh (Köln) bestand darin, die Fragen der Kinder aufzugreifen und ihre Bildungsprozesse zu unterstützen. Monika Schaarschmidt, Osnabrück, weckte beim Betrachten lebender Schnecken den Forschergeist ihrer Teilnehmenden und setzte mit ihnen das Erfahrene auch künstlerisch sowie philosophisch um. Angelika von der Beek lud in ihrem Workshop zum Rollenspiel ein, unter anderem wurde dabei das Schattentheater ausprobiert. Mit Mathias Buck, Hamburg, konnten die Teilnehmer mit vielen unterschiedlichen Materialen bauen und konstruieren. Dabei wurden selbst knifflige Konstruktionen, wie der Brückenbau, mit Spaß und Geschick umgesetzt.
Das Motto des Musik-Workshops lautete „Alles ist Musik“. Jedes Geräusch war willkommen und wurde zu einem Teil des Ganzen. Amor Gelhaar, Erzieherin in der Kita Alter Teichweg stellte erleichtert fest: „Es war egal, dass wir keine Notenkenntnisse hatten. Es hat einfach nur Spaß gemacht!“

Immer wieder gab Johannes Beck-Neckermann Themen oder Bilder vor, zu denen die zwanzig Teilnehmenden auf den Instrumenten improvisierten. Bei einer Partner-Übung stellte eine Teilnehmerin mit ihren Bewegungen eine wachsende Blume vor, die zum Erblühen kommt. Die andere Teilnehmerin begleitete die Bewegungen mit dem Instrument. Für viele Teilnehmerin lag die Herausforderung darin, mit der Musik der Bewegung zu folgen und nicht umgekehrt, wie wir es vom Tanzen kennen.
Experimentell ging es auch zu, als das allen bekannte Märchen „Rotkäppchen“ klanglich umgesetzt wurde. Zunächst durfte sich jeder eine Rolle aussuchen. Es gab eine Haustür, Waldblumen, Feldsteine und auch einen Wolf, merkwürdigerweise wurde nur das Rotkäppchen nicht besetzt. Jeder Mitspieler dachte sich einen Satz aus, der zur Rolle passte. Diese Sätze wurden in unterschiedlichen Einsätzen gesprochen. So entstand ein völlig neues, ziemlich skurriles Hörspiel, das schließlich von den säuselnden Waldblümelein dominiert wurde.
Die zwei Tage mit Musik vergingen für die Erzieherinnen und Erzieher wie im Fluge. Können die Teilnehmer davon auch etwas in ihrer Arbeit umsetzen? Wolfgang Schaubelt, Erzieher in der Kita Koppelkinder, sagte dazu: „Meine Erkenntnis nach diesem Workshop ist: Alles ist Musik! Für mich reduziert sich das Musizieren nicht länger darauf, dass die Kinder ein neues Lied lernen. Wir machen jetzt viel häufiger gemeinsam Musik, einfach weil es sich ergibt.“ Amor Gelhaar fügte hinzu: „Mir hat der Workshop die Angst vor der Arbeit mit den Instrumenten genommen. Ich werde sie jetzt einfach mal aus dem Schrank holen. So schwer ist es nicht, Musik zu machen!“
Die besondere Bedeutung des SOAL Bildungskongresses liegt darin, dass die Workshops eine Vielfalt an verschiedenen Bildungsbereichen präsentieren und es den Teilnehmenden möglich ist, sich zwischen den Workshops über die unterschiedlichen Erfahrungen auszutauschen. So können die PraktikerInnen ihre Erfahrungen vergleichen, Gemeinsamkeiten und Unterschiede feststellen. Dies wurde auch in der abschließenden Gesamtpräsentation der 8 Workshops deutlich. In der Abschlussveranstaltung stellten die ReferentInnen gemeinsam mit den TeilnehmerInnen ihre Prozesse allen Beteiligten vor. So konnten alle Teilnehmenden erfahren, was und wie in den anderen Workshops gearbeitet wurde. Dieser Transferprozess von Erfahrungen ist eine besondere Unterstützung für die praktische Bildungsarbeit im Alltag. Auch die Begegnung von PraktikerInnen aus Einrichtungen mit unterschiedlichen Strukturen, der Austausch zwischen ihnen und den ReferentInnen und der Zusammenhang frühkindlicher Bildungsprozesse mit anregenden Umgebungen, was auch im Referat von Prof. Dr. Gerd Schäfer hervorgehoben wurde, verdeutlichte die Verbindung zwischen Theorie und Praxis anschaulich.
Der 2.te SOAL-Bildungskongress entwickelt sich zu einer zentralen Bildungsveranstaltung, die weit über Hamburg hinaus Anklang findet. SOAL wird dieses in dieser Form bundesweit einzigartige Treffen in den nächsten Jahren fortführen und weiterentwickeln.
„Der nächste Bildungskongress wird Veranstaltungen für Einsteiger und Fortgeschrittene anbieten, in denen vor allem die Altersstufe der Kinder noch deutlicher hervorgehoben wird“, sagte Claus Reichelt, Geschäftsführer SOAL. „Wir finden es sinnvoll, Angebote für Krippe, Elementar oder ältere Kinder zu machen. Auch wenn viele Prozesse auf unterschiedliche Altersstufen übertragen werden können, ist es für die TeilnehmerInnen doch wichtig, dies vorher zu wissen. Noch intensiver verbunden werden soll auch der Queraustausch zwischen den einzelnen Workshops.“
Maren v. Klitzing
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