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Buchstart (21.04.2010)

Buchstart

Buchstart für Wichte in Hamburg

 
Seit Januar 2007 gibt es in Hamburg den „Buchstart“ und die „Gedichte für Wichte“-Gruppen, die zum Ziel haben, bereits den jüngsten Kindern zu vermitteln wie viel Spaß in Bildern und Geschichten stecken kann. Beide Projekte wurden vom Literaturkontor Hamburg konzipiert und begleitet. Annette Huber, die zum fünfköpfigen Team gehört, stellt die Projekte vor und berichtet über ihre Hintergründe.
 
Soal: Hamburger Kleinkinder haben es gut; Sie bekommen bei der Vorsorgeuntersuchung U6 von ihrem Kinderarzt nicht nur eine Impfspritze, sondern auch eine Tasche. Sie ist gefüllt mit zwei Bilderbüchern, einem Bücherhallen-Gutschein und vielen Tipps fürs Büchergucken. Woher stammt die Idee für diese Buchstart-Tasche?
 
Annette Huber: In England gibt es seit Anfang der neunziger Jahre ein Projekt, das Bookstart heißt. Ausgedacht hat es sich eine Frau namens Wendy Cooling. Im ganzen Land werden insgesamt 3 Buchpakete verteilt. Das erste für Kinder im Alter von sechs Monaten, das zweite für Anderthalbjährige und das dritte für die Zweieinhalbjährigen. Alle Kinder sollen die Chance haben mit Büchern aufzuwachsen. Bücher sollen von Anfang an dazugehören, als ein selbstverständliches Teil des Lebens, genau wie Spielzeug oder Essen. Dieses Projekt wird von der Regierung gefördert und ist aus England nicht mehr wegzudenken.  
 
Wie kamen Sie auf die Idee, dieses Projekt – wenn auch etwas schlanker, denn hier gibt es ja „nur“ ein Buchpaket – in Hamburg zu implementieren?
 
Wir lernten die Idee 2005 auf dem Frühbildungs-Kongress „Kinder zum Olymp“ kennen. Dort wurden auch verschiedene Projekte aus Europa gezeigt, unter anderem waren eben auch zwei Frauen aus England dort, die Bookstart vorstellten. Uns vom Hamburger Literaturkontor hat die Idee total imponiert und wir beschlossen: „So etwas müssen wir hier auch in Hamburg machen!“ Wir haben das Projekt der Kultursenatorin Karin von Welck vorgestellt, die es ebenfalls toll fand. Heute ist die Kulturbehörde quasi die Auftraggeberin und federführende Behörde für Buchstart. Damals war es allerdings noch recht ungewöhnlich, auch Babys in den Kontext kulturelle Bildung mit einzubeziehen und mit Büchern zu arbeiten.
 
Ist ja auch etwas sonderbar, ein Buchprojekt für eine Zielgruppe zu starten, die noch nicht einmal lesen kann, oder?
 
Keineswegs, denn wir machen keine Leseförderung, sondern etwas, was davor kommt. Wenn man in Deutschland an Kinder und Lesen denkt, dann fängt das immer erst in der Grundschule an. Und da ist es eigentlich schon zu spät, oder anders gesagt, man kann viel früher anfangen. Es ist viel besser, wenn Kinder ganz selbstverständlich mit Büchern aufwachsen, als wenn sie in der ersten Klasse plötzlich so ein Lesebuch vor die Nase gedrückt kriegen. Ein Kleinkind ist total neugierig und findet es hochinteressant  ein Pappbilderbuch in die Hand zu nehmen. Und wenn dann noch ein Erwachsener neben ihm sitzt und das Buch als Anlass für die Kommunikation nimmt, dann lernen Kinder Sprache ganz schnell. Schön ist auch, wie sich Nähe zwischen dem Kind und dem Erwachsenen beim Betrachten eines Pappbilderbuches entwickelt. Mithilfe eines kleinen Pappbilderbuches werden also ganz viele Ebenen in der kindlichen Entwicklung auf einmal angesprochen.
 
Begleitend zum Buchstart gibt es die „Gedichte für Wichte“-Gruppen, das sind Eltern-Kind-Gruppen, in denen Eltern und Kinder gemeinsam singen, Fingerspiele spielen und erste Bilderbücher anschauen können. Wie kam es zu diesem Projekt?
 
Die „Gedichte für Wichte“-Gruppen sind als zweite Idee dazugekommen, auch wieder inspiriert von England, wo es in einigen Bibliotheken die so genannte Rhymetime Sessions gibt. Dort wird viel gesungen, es werden Verse gesprochen oder eben auch Bilderbücher angeschaut.
 
Warum ist dafür eine Gruppe nötig? Kann man das nicht zuhause allein mit seinem Kind machen?
 
Wir haben festgestellt, dass viele Eltern überhaupt keine Kinderlieder mehr kennen. Und auch keine Fingerspiele, keine kleinen Reime für Kinder, also diese ganzen Sachen, die mit sprachlichem Rhythmus arbeiten und mit Wiederholungen. Deswegen haben wir gedacht, wir müssen vielleicht auch den Eltern ein bisschen helfen. Wenn die Mutter oder der Vater so etwas mit den Kindern machen kann, beim Wickeln oder Spielen, dann ist das eine unbezahlbar gute Sprachförderung.
 
 
Wo finden die „Gedichte für Wichte“-Gruppen statt?
 
Die kostenlosen Gruppen finden an über vierzig Standorten in ganz Hamburg statt. In den Stadtteilen haben wir uns Institutionen gesucht, die sowieso schon im Kleinkindbereich arbeiten oder etwas für Kinder anbieten, wie beispielsweise das Bürgerhaus Wilhelmsburg oder auch die Elternschulen. Es gibt drei Kriterien, die wir für alle „Gedichte für Wichte“-Gruppen möglichst verbindlich einhalten möchten: Die Gruppe muss immer kostenlos sein, sie sollte nach Möglichkeit verlässlich einmal pro Woche stattfinden, und sie sollte offen für alle sein. Also kein Kursus mit Anmeldung, sondern ein unverbindliches Angebot, wo die Eltern mit Kindern hingehen, aber auch wieder wegbleiben können.
 
Welchen Platz haben Bilderbücher in den Gruppen, werden sie dort vorgelesen?
 
Angeguckt. Wir vermeiden das Wort lesen oder auch vorlesen, weil es darum noch überhaupt nicht geht. Unser Ziel ist auch nicht, dass die Kleinen früher lesen lernen als andere. Meistens ist es so, dass nach dem Singen oder den Fingerspielen die Bücherkiste im Raum gesucht, gefunden und der Deckel dann feierlich gehoben wird. Dann können sich entweder alle ein Buch schnappen und es angucken oder die Leiterin hat vielleicht ein neues Buch mitgebracht, das alle gemeinsam betrachten.
 
Wie kommt die Auswahl der Bücher zustande?
 
Wir gucken uns regelmäßig die Verlagsprogramme an. Es ist ja in Deutschland zum Glück so, dass wir eine große Auswahl an meistens sehr guten Pappbilderbüchern haben. Eine Liste mit Empfehlungen haben wir auch im Internet veröffentlicht. Aber das sind jetzt keine ausschließlichen Bücher. Wenn eine Leiterin ihr absolutes Lieblingsbuch hat, dann muss das natürlich auch mit in die Kiste.
 
 
Vielen Dank für das Interview!
 
Halt, stopp! Wir möchten noch eine Einladung aussprechen! Am Montag, 31. Mai 2010 findet von 15:30 – 17:30 Uhr das 2. Fest der kleinen Wichte statt. Beim großen Spielplatz in Planten un BLomen (Eingang Marseiller Straße). Weitere Infos auf der Internetseite von Buchstart: http://www.buchstart-hamburg.de/index.php

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