Dissertation (04.11.2011)
Interview mit Sabine Skalla über ihre Dissertation über Qualitätsentwicklungsverfahren in Kindertagesstätten
Im September 2010 hat Sabine Skalla, Geschäftsführerin der KoppelKinder e. V. in St. Georg, ihre Doktorarbeit eingereicht. Im Interview berichtet sie über ihr Vorgehen und ihre Erkenntnisse.
SOAL: Herzlichen Glückwunsch zum Doktortitel, Frau Dr. Skalla! Was hat Sie bewogen, eine Dissertation über Qualitätsentwicklungsverfahren in Kindertagesstätten zu schreiben?
Sabine Skalla: Die Kindertagesstätte, in der ich als Geschäftsführerin arbeite, zählt zu den ersten, die mit ihren Mitarbeiterinnen am Soal-Qualitätsentwicklungsverfahren teilgenommen haben. Insofern hat mich sehr interessiert, herauszufinden, ob und auf welche Weise dieses Verfahren in der Praxis nachhaltig zu Veränderungen geführt hat. Gleichzeitig wollte ich wissen, wie es sich im Vergleich zu anderen Verfahren positioniert und was die unterschiedlichen Qualitätsentwicklungsverfahren leisten.
Welche Qualitätsentwicklungsverfahren haben Sie untersucht?
Ich habe mir zunächst angesehen, welche Qualitätsentwicklungsverfahren in der Bundesrepublik angewendet werden und sie in meiner Doktorarbeit skizziert. Den Schwerpunkt habe ich aber darauf gelegt, die in Hamburg bei den Spitzen- und Trägerverbänden angewandten Qualitätsentwicklungsverfahren zu untersuchen. In Hamburg gibt es sieben große Dach- und Trägerverbände, die für ihre Kindertagesstätten unterschiedliche Qualitätsentwicklungsverfahren anbieten.
Welche Qualitätsentwicklungsverfahren sind das?
Die Integrierte Qualitäts- und Personalentwicklung (IQUE-Verfahren nach Ulrike Ziesche) wird und wurde in unterschiedlicher Weise von drei Verbänden, der Arbeiterwohlfahrt (AWO), dem Deutschen Roten Kreuz und dem Diakonischen Werk, angewendet. Der Umgang und die Implementierung mit dem IQUE Verfahren habe ich untersucht. Mittlerweile wendet die AWO das IQUE-Verfahren nicht mehr an, sondern der Hamburger Träger des Wohlfahrtsverbandes hat sich dem bundesweiten Qualitätsmanagementverfahren der AWO angeschlossen.
Das Diakonische Werk führt nach wie vor Schulungen zu IQUE durch, bietet aber zusätzlich ebenfalls die Möglichkeit an, Qualitätsmanagement in den Kindertagesstätten durchzuführen. Der Caritas Spitzenverband hat ein eigenes Qualitätsmanagementhandbuch namens „Garantiert qualifiziert“ entwickelt, um Voraussetzungen für eine Zertifizierung nach DIN EN ISO zu schaffen. Auch der Paritätische Wohlfahrtsverband hat ein eigenes Qualitätsentwicklungsverfahren entwickelt, das Standardvorgaben für die am Kita-Geschehen beteiligten Gruppen, die Kinder, die Mitarbeiterinnen und die Eltern, formuliert.
Die Vereinigung Hamburger Kindertagesstätten hat vier Qualitätsversprechen formuliert und damit eindeutige inhaltliche Vorgaben erstellt. Mittlerweile existiert ein fünftes Qualitätsversprechen, womit die bisherigen vier Qualitätsbereiche evaluiert werden.
Im Mittelpunkt meiner Arbeit stand das SOAL-Qualitätsentwicklungsverfahren des alternativen Wohlfahrtsverbandes SOAL, welches unter der wissenschaftlichen Leitung von Prof. Dr. Gerd E. Schäfer entwickelt wurde und aus sechs grundlegenden Modulen besteht.
Gab es bei Ihrer Untersuchung Aspekte, die Sie für besonders wichtig erachten?
Bei einer Qualitätsentwicklung in einer Kindertagesstätte sollte natürlich die Verbesserung und Weiterentwicklung der pädagogischen Qualität im Vordergrund stehen. Diesen Aspekt habe ich deshalb besonders beleuchtet und meine Untersuchung um die Darstellung bildungstheoretischer Zusammenhänge ergänzt, die im Kontext der frühkindlichen Bildung und Entwicklung wesentlich sind.
Wie sind Sie bei der Untersuchung der Qualitätsentwicklungsverfahren vorgegangen?
Ich habe insgesamt 65 Interviews mit Leiterinnen und Qualitätsbeauftragten von Kindertagesstätten aller Hamburger Spitzen- und Trägerverbände sowie mit deren Verbands- bzw. Trägervertretungen geführt. Interessant hierbei war die unterschiedliche Perspektive aus der Sicht der Kitas und aus der Sicht der Verbände. Im Schnitt dauerte ein Interview ungefähr eine Stunde. Darin fragte ich die Erzieherinnen und/oder Qualitätsbeauftragte beispielsweise nach den zentralen Inhalten des Verfahrens und ob durch die Qualitätsentwicklung neue Arbeitsweisen eingeführt worden sind oder ob sich Haltungsänderungen bemerkbar machen. Auch wollte ich herausfinden, wo sich im Alltag Veränderungen, bzw. Verbesserungen für Kinder, Erzieher/innen oder Eltern durch das Verfahren zeigen.
Sie haben die QE-Verfahren abschließend bewertet, wie sind Sie dabei vorgegangen?
Ich habe unterschiedliche allgemeine Evaluationskriterien entwickelt und die Qualitätsentwicklungsverfahren danach bewertet. Mit Hilfe des Evaluationskriterienkatalogs konnte ich beispielsweise überprüfen, ob das Verfahren über grundlegende bildungstheoretische Vorstellungen darüber verfügt, wie Kinder lernen und sich bilden, ob Erzieherinnen sich Kenntnisse über aktuelles wissenschaftliches Grundlagenwissen zu kindlichen Lern- und Bildungsprozessen aneignen oder ob der Dachverband bzw. Träger die Nachhaltigkeit des Verfahrens durch eine umfassende Beteiligung sämtlicher pädagogischer Mitarbeiterinnen der Kita sichert.
Insgesamt habe ich 27 Evaluationskriterien erstellt, nach denen ich die Verfahren bewertet habe und mit denen es möglich ist, auch andere Qualitätsentwicklungsverfahren zu beurteilen. Das ist hilfreich, um im Dschungel der unterschiedlichen Qualitätsentwicklungsverfahren gute von schlechten unterscheiden zu können.
Zu welchem Fazit sind Sie gekommen?
Nur das SOAL-Verfahren erfüllt fast alle Evaluationskriterien. Es hat auf der Basis von aktuellen bildungstheoretischen Erkenntnissen ein kindorientiertes Weiterbildungskonzept für die pädagogischen Fachkräfte in den Kitas entwickelt. Im Zentrum des Verfahrens steht das Wahrnehmen und Beobachten kindlicher Selbstbildungsprozesse, und das führt bei den pädagogischen Fachkräften tatsächlich zu grundlegenden Veränderungen ihrer bisherigen Einstellungen und Handlungskonzepte.
Positiv sehe ich auch, dass es bei SOAL eine enge Anbindung der Mitgliedseinrichtungen an den Dachverband gibt. Eine intensive und kontinuierliche Begleitung durch den Dachverband ist hilfreich bei der nachhaltigen Umsetzung eines Qualitätsentwicklungsverfahrens. Schaut man sich in der Landschaft der Anbieter von Qualitätsentwicklungsverfahren deutschlandweit um, so kann man feststellen, dass es so gut wie keine Verfahren gibt, die wirklich kindzentriert sind und bildungstheoretische Grundlagen die Basis bilden.
Wo sehen Sie insgesamt die Probleme im Feld der Qualitätsentwicklungsverfahren für Kindertagesstätten?
Eine Problematik, die bei sämtlichen Qualitätsentwicklungsverfahren deutlich wurde, ist die Schwierigkeit, die das pädagogische Personal mit der Dokumentation, bzw. mit der Verschriftlichung von Beobachtungen hat. Hier muss es insgesamt Veränderungen im Weiterbildungsbereich für Erzieher/innen geben. Ebenfalls sollte in den unterschiedlichen Verfahren als Konsequenz eine kreative Weiterentwicklung für das Feld der Bildungsdokumentation erfolgen.
Noch schwerwiegender beurteile ich die Tendenz in Deutschland, dass in zunehmendem Maße Qualitätsmanagement-Verfahren in Kindertagesstätten zur Anwendung kommen, bei denen das Ausfüllen von Formularen immer vordergründiger wird und letztlich keine Qualitätsverbesserungen für Kinder erreicht werden. Am 23.10. wurde beim swr 2 im Wissensmagazin Aula ein halbstündiger kritischer Beitrag, den ich über Qualitätsmanagement-Verfahren verfasst habe, gesendet. Wer sich für dieses Thema eingehender interessiert, kann sich dort mein Manuskript runterladen oder auch die Rundfung-Sendung als Podcast anhören (einfach swr, aula, Sabine Skalla bei google eingeben).
Vielen Dank für das Interview!
Die Dissertation von Dr. Sabine Skalla ist mittlerweile als Buch erschienen, da es aber sehr teuer ist, empfielt die Autorin den kostenlosen download über den Publikationsserver der Universität Köln, der zudem noch den Vorteil hat, dass man sich auch die Anlagenbände, nämlich die Interviews und einen weiteren Teil mit einer Auswahl an Materialien der Verbände ansehen kann.
http://kups.ub.uni-koeln.de/3284/
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