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Flexibilisierung (24.08.2016)

Flexibilisierung der Kindheit - CDU fordert regelhaften Verstoß gegen das Kindeswohl in Kitas!
Die Kinder sollen sich an hochflexible Arbeitszeiten der Eltern anpassen – die Kitas natürlich auch!

Das Hamburger Abendblatt schreibt am 21.08.2016 unter der Überschrift:
„CDU fordert individuelle Betreuungszeiten in Kitas

Hamburg. Eltern sollen ihre Kinder künftig flexibler in den Kitas betreuen lassen können. Das sieht ein Antrag der CDU vor, der nun in die Bürgerschaft eingebracht werden soll. Darin fordern die Christdemokraten, dass das bislang starre System, das auf fünf Betreuungstage ausgelegt ist, dem individuellen Bedarf der Familie folgt. Es ist nach 2013 der zweite Versuch der CDU, eine Änderung herbeizuführen. (...)

"Es ist für mich weder akzeptabel noch tragbar, dass die dringend notwendige Flexibilisierung der Betreuungszeiten in den Kitas nach wie vor aussteht", sagt Philipp Heißner, familienpolitischer Sprecher der CDU. "Flexiblere Betreuungszei-ten verbessern maßgeblich die Vereinbarkeit von Familie und Beruf und sind somit ein wesentlicher Baustein für eine familienfreundliche Stadt." Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen, sei für tausende Eltern in Hamburg tagtäglich eine große Herausforderung. "Veränderte Arbeitsbedingungen und unterschiedliche Arbeitszeiten stellen die Kinderbetreu-ung vor neue Herausforderungen." (...)


Wer sein Kind zu flexiblen Zeiten in Einrichtungen betreuen lassen möchte, ist auf flexible Öffnungszeiten mit flexibel einsetzbarem Personal angewiesen. Im Zweifel müssen die Einrichtungen mehr Erzieherinnen einstellen, um dem gerecht zu werden. Für CDU-Mann Heißner ist das aber eine Frage der Organisation. Wenn bekannt sei, zu welchen Zeiten Eltern ihre Kinder betreuen lassen wollten, dann ließe sich das bewerkstelligen. "Aber der Senat weiß nichts über die Bedarfe der Eltern."“


Der alternative Wohlfahrtsverband SOAL warnt vor einer solchen Flexibilisierung zugunsten der Arbeitszeiten:

Die Hamburger CDU fordert in ihrem Bürgerschaftsantrag vom 17.08.2016 eine weitere Flexibilisierung der vier- bis sechsstündigen Kitagutscheine im Elementarbereich. Diese soll ermöglichen, dass je nach Arbeitszeiten der Eltern die Betreuung an einem Tag mal gar nicht und am nächsten Tag für 12 Stunden stattfinden könnte. Dies geht völlig an den Bedürfnissen der Kinder nach verlässlichen Beziehungen vorbei. Die Kitas würden zu hektischen Bringe- und Abholbahnhöfen verkommen. Verlässliche Beziehungen zwischen Betreuungspersonen und Kindern wären kaum noch realisierbar. Die Gruppenprozesse der Kinder untereinander würden ständig unterbrochen oder gar nicht erst zustande kommen. Über längere Zeiträume angelegte Projekte, Ausflüge, Kinderreisen und Gruppenunternehmungen wären nicht mehr realisierbar.

Seit vielen Jahren ist bekannt, welch hohe Bedeutung die Qualität der Beziehung und Bindung zwischen Kind und Betreuungsperson und damit auch die Betreuungskontinuität in der Kita für Kinder hat. Demzufolge ist dies auch ein besonderes Qualitätskriterium für Kindertagesstätten. Eine hohe Fluktuation des pädagogischen Personals kann im Zweifel die Kitaaufsicht auf den Plan rufen, weil für die Gewährleistung des Kindeswohls stabile Beziehungen grundlegend sind. Aus gutem Grund kann daher auch für Kinder in besonderen Belastungssituationen aus einem dringlichen sozial bedingten oder pädagogischen Bedarf heraus (Prio. 10) vom Jugendamt ein Rechtsanspruch auf einen Kitagutschein festgestellt werden. Dieser hat, um die erforderliche Betreuungskontinuität sicher zu stellen, häufig auch einen höheren zeitlichen Umfang.

Die Erkenntnisse aus Wissenschaft und Praxis zur Bedeutung der Betreuungskontinuität haben sich allerdings leider noch nicht bis zu allen Politikern herumgesprochen. So richtet sich in Hamburg die Bewilligung von Kita-Gutscheinen leider immer noch nicht nach dem Bedarf des Kindes. Für alle Kitagutscheine, die länger als täglich 5 Stunden Betreuung bieten sollen, müssen die Eltern einen entsprechenden Bedarf durch Berufstätigkeit (oder Ausbildung) nachweisen. Für die Frage, welchen Gutschein es gibt, ist der Arbeitsalltag der Eltern maßgeblich. Was das Kind braucht, ist zunächst unerheblich! Immerhin bekommen alle Kinder mindestens einen fünfstündigen (kostenlosen) Gutschein, unabhängig von der Frage ob und wieviel die Eltern arbeiten. Das ist ein deutlicher Fortschritt! Für viele Kinder wäre aber eine längere tägliche Betreuungsdauer wünschenswert – besonders deshalb, weil die sprachliche Entwicklung von Kindern umso besser ist, je länger sie in der Kitabetreuung waren und eine gute Kita generell entwicklungsförderlich für Kinder ist. Dies belegen zahlreiche Studien.

Die Hamburger Kitas müssen heute schon für Krippenkinder von 0 – 3 Jahren die Nutzung von Gutscheinen (täglich 4-stündig, 5-stündig, 6-stündig) flexibel anbieten (sog. „Wochenbezug“). Eltern können fordern, dass die sich aus dem Gutschein ergebenden Wochenstunden flexibel auf einzelne Tage verteilt werden können (20, 25, 30 Wochenstunden).

 Durch die geforderte Flexibilisierung würden die Kinder schon kurz nach der Geburt in den immer schnelleren und hektischeren Arbeitsalltag der Erwachsenen hineingepresst werden, um sich dem Organisations-Rhythmus der „modernen“ 24-Stunden-Servicewelten und Dienstleistungskonzerne anzupassen. Begriffe wie „kindgerecht“, “kindliches Bedürfnis“, „liebevolle, verlässliche Beziehung“ würden dann endgültig der Vergangenheit angehören. Zunehmende extreme Verhaltensauffälligkeiten, psychische und seelische Erkrankungen und soziale Bindungsunfähigkeiten wären nur einige der Folgen bei den Kindern. Sämtliche pädagogischen Qualitätsanforderungen, die verbindlichen Hamburger Bildungsempfehlungen und die fachlichen Anforderungen durch die gesetzlichen Grundlagen des Kinder- und Jugendhilfegesetzes, das Hamburger Kinderbetreuungsgesetz, wie auch der Landesrahmenvertrag Kindertagesbetreuung müssten außer Kraft und ad acta gelegt werden.

Aus der zuständigen Fachbehörde (BASFI) heißt es laut Abendblatt: „dass Kitas nicht ausschließlich als Verwahranstalten begriffen werden sollten, sondern als pädagogische Einrichtungen. In die Schule gingen Kinder schließlich auch nicht nur von Montag bis Mittwoch.“ Die Tatsache, dass Kitas auch in hohem Masse Bildungseinrichtungen sind, scheint sich aber offenbar auch noch nicht bis zu den CDU-Antragstellern durchgesprochen zu haben.

Es geht in erster Linie nicht um immer mehr individuelle Flexibilität, es geht darum genau hinzuschauen, was die Kinder brauchen. Selbstverständlich geht es auch darum, Betreuungszeiten sicher zu stellen, die die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ermöglichen. Das Ganze hat aber da seine Grenzen, wo die Kinder mit ihren Bedürfnissen nicht mehr gesehen werden. Die rund-um-die-Uhr-flexible-Kita ist sicher keine kindgerechete Lösung. Wenn Eltern unregelmäßige Arbeitszeiten an verschiedenen Tagen haben, ist es für das Kind besser, eine täglich regelmäßige Betreuungszeit zu erleben, die eben auch mal längere Arbeitstage ermöglicht (regelmäßiger höherer Stundenumfang). Wenn Arbeitszeiten deutlich vor 6 Uhr oder nach bis 18 Uhr liegen, ist es  besser für ein Kind, wenn es in diesen Zeiten in einem familienähnlichen Kontext von Tagespflegepersonen betreut wird.

Die Lösung ist ein flexibleres Bewilligungssystem ausgehend vom Bildungs- und Betreuungsbedarf der Kinder – statt flexiblere Kinder und flexiblere Kitazeiten zu fordern, die den hektischen Arbeitsabläufen der Eltern im-mer mehr angepasst werden! So würde der Slogan „vom Kind aus denken“ tatsächlich eingelöst.

Elimar Sturmhoebel
Referent für Jugendhilfe beim alternativen Wohlfahrtsverband SOAL e.V.
 

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