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Hausaufgaben (10.09.2018)

Offener Brief an Schulsenator Rabe

Keine wissenschaftliche Studie belegt die Wirksamkeit – dennoch fordern Sie mehr Hausaufgaben und wollen eine entsprechende Richtlinie erlassen!


Der Widerstand gegen die Abschaffung von Hausaufgaben ist groß, weil sie im kollektiven Gedächtnis der Menschen so fest verankert sind. Hausaufgaben gibt es schon seit über 500 Jahren im Deutschen Schulsystem. In einer Schulordnung von 1445 werden sie noch als Privatarbeit bezeichnet.

Kaum vorstellbar, dass Ihnen als Bildungssenator entgangen sein sollte, dass es keine wissenschaftliche Studie gibt, die die Wirksamkeit dieser Lernmethode belegt. Die überwiegende Zahl der Untersuchungen kommt sogar zu einem negativen Ergebnis.

Der Journalist Armin Himmelrath hat sich mit Forschung zum Nutzen von Hausaufgaben befasst. Er forderte im Deutschlandfunk stattdessen selbständige Lernphasen für Kinder im schulischen Umfeld. „Hausaufgaben bringen nichts, sie sind pädagogischer Unsinn und sind so gesehen Zeitverschwendung.“1

Studien, die Kinder, die mehrere Jahre keine Hausaufgaben hatten, mit Kindern, die mehrere Jahre Hausaufgaben machen mussten, verglichen haben, stellten fest, es gibt hinterher keine Lernunterschiede. Der einzige Unterschied ist: Die Kinder ohne Hausaufgaben waren glücklicher.

So stürzten sich die Forscher der TU Dresden auf eine Studie zu Ganztagsangeboten in Sachsen 2. 70 Prozent aller sächsischen Ganztagsschüler nehmen mehrmals in der Woche an Hausaufgabenbetreuungen teil. Rund 1.300 Schüler und 500 Lehrer wurden befragt. Die Umfrage ergab, dass etwa ein Drittel der Lehrer zugab, nicht einschätzen zu können, ob Hausaufgaben den Schülern überhaupt irgendwas bringen. Bei etwa drei Viertel aller Schüler beobachteten die Lehrer keinen Erfolg. Da muss es erlaubt sein zu fragen, warum Lehrer überhaupt Hausaufgaben aufgeben. Vermutlich ist die bloße Annahme weit verbreitet, sie würden einen positiven Effekt auf die Schüler haben. Die Forscher kamen jedoch zu der vernichtenden Aussage, dass Hausaufgaben nur ein „pädagogisches Ritual seien“.3 Der Erziehungswissenschaftler Prof. Johann Gängler formuliert es so: „Ob man also die Mathe-Hausaufgaben direkt nach der Schule, nachts unter der Bettdecke oder überhaupt nicht macht: Der Effekt auf die Zeugniszensur ist derselbe, nämlich gleich null.“

Die Tageszeitung Welt, kaum einer revolutionären Bildungspolitik verdächtig, konstatiert aus neuesten Studien: „Nicht Jedem bringen sie etwas – manchem schaden sie sogar. 4 Der neuseeländische Pädagoge John Hattie 5 fasste bereits im Jahr 2009 in seinem Buch „Lernen sichtbar machen“ Befunde aus über 50.000 Studien mit mehr als 80 Millionen Schülern zusammen. In Hatties Übersichtsarbeit kamen sie nicht gut weg, sie landeten im unteren Teil der Rangliste. Hattie errechnete, dass Hausaufgaben den Lernerfolg der Schüler nur sehr wenig fördern. Und sogar dieser geringe Nutzen sei mit Vorsicht zu betrachten – denn er hänge stark vom Zeitaufwand ab, den die Schüler in ihre Hausaufgaben investieren müssen. Je länger sie für ihre Aufgaben brauchen, umso geringer sei demnach der Profit. Besonders in der Grundschule zeigten sich Hausaufgaben als ungeeignet.

Schon 1964 hatte der Pädagoge Bernhard Wittmann einen Versuch durchgeführt, dessen Ergebnisse er in dem Buch mit dem Titel „Vom Sinn und Unsinn der Hausaufgaben“ veröffentlichte. Vier Monate lang hatte er sechs Duisburger Volksschulklassen des dritten bis siebenten Jahrgangs von den Hausaufgaben für die Fächer Rechnen und Rechtschreiben befreit. Das Ergebnis: Im Rechnen zeigten nach Ablauf der vier Monate alle Klassen ohne Zusatzaufgaben zu Hause sogar bessere Leistungen als die Klassen mit Hausaufgaben. In Orthografie verbesserten sich lediglich die Siebtklässler durch die Hausaufgaben, allerdings auch dort nicht alle. Wittmann zog damals die Schlussfolgerung, dass Hausaufgaben keinen Zuwachs an Kenntnissen und Fähigkeiten bei den Schülern bewirkten.

Die Erziehungswissenschaftlerin Franziska Bischof untersuchte in der Schweiz6, wie sich die Leistungen der Schüler im Kanton Schwyz ohne Hausaufgaben verglichen mit denen im Kanton Zug entwickelten, wo weiterhin Hausaufgaben aufgegeben wurden. Sie kam zu dem Befund: „Die Ergebnisse legen nahe, die Integration der Hausaufgaben in den Unterricht zu befürworten, da sich im Leistungsbereich keine Auswirkungen ergaben.“ Und noch ein anderes Ergebnis bestärkte sie in ihrer Forderung nach Abschaffung der häuslichen Aufgabenpflicht: Die Schülerinnen und Schüler im hausaufgabenfreien Kanton Schwyz würden „deutlich lieber zur Schule gehen, als die gleichaltrigen im Vergleichskanton.“

Im „Journal of Educational Research“ wurde eine neue deutsch-schweizerische Studie zu Hausaufgaben veröffentlicht7. Diese kommt zu dem Schluss, dass elterliches Engagement bei Hausaufgaben und Leistungsentwicklung von Sechstklässlern oft nicht zu besseren Ergebnissen führt. Befragt wurden dafür knapp 1.700 Schweizer Schüler und ihre Eltern über einen längeren Zeitraum. Sowohl die Deutschnoten als auch die Leistungsentwicklung im Lesen fiel bei den Kindern schlechter aus, deren Eltern häufig bei den Hausaufgaben halfen, als bei denen, die sie selbständig machten. Das unzulässig verkürzte Fazit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung lautete: „Hausaufgaben machen die Klüger klüger und die Dummen dümmer“ 8. Unser Fazit: Hausaufgaben verstärken Bildungsungerechtigkeit und führen oft zu „familiären Hausfriedensbruch“.

Die vorliebenden wissenschaftlichen Untersuchungen zum Thema Hausaufgaben führen uns zu vier Grundaussagen:
 

  1. Eine systematische Steigerung von Leistung oder Wissen durch die Erledigung von Hausaufgaben ist nicht nachweisbar. 
     
  2. Die real zu beobachtende Hausaufgabenpraxis in den Schulen entspricht nur äußerst selten dem damit verbundenen Anspruch, Schlüsselqualifikationen zu vermitteln. 
     
  3. Hausaufgaben verstärken Bildungsungerechtigkeit. 
     
  4. Hausaufgaben führen oft zu „familiärem Hausfriedensbruch“ – vermeintlich erforderlicher Zwang oder Strafandrohung transportieren „schwarze Pädagogik“ in die Familien; oder Eltern machen die Hausaufgaben anstelle der überforderten Kinder … Dies gilt ggfs. auch für die Nachmittagsbetreuung, insoweit diese Zwang oder Strafandrohung ausübt oder die Berichte an diese Schule diese auslösen.


Die Vertretungen der Hamburger Eltern, die Bildungsbehörde, die Jugendhilfeverbände und GBS-Träger in der Vertragskommission GBS und Sie selbst haben gemeinsam die Qualitätsdimensionen der ganztägigen Bildung und Betreuung (GBS) entwickelt, vereinbart und veröffentlicht. Darin bekunden alle Akteure ihr Interesse an einer Weiterentwicklung des Ganztags. Unter anderem wird benannt, dass dazu an den Schulstandorten ein gemeinsames Konzept für den Umgang mit individuellen Lernzeiten gehört. Ausdrücklich wird dort formuliert: „Auch die vollständige Abschaffung von Haus und Schulaufgaben ist möglich, vorausgesetzt dies wird in dem gemeinsamen Konzept fachlich begründet und in das Gesamtkonzept der GBS eingebettet.“

In der partnerschaftlichen Zusammenarbeit von Schule und Jugendhilfeträgern in der ganztägigen Bildung und Betreuung an Grundschulen (GBS) in Hamburg sind inzwischen viele neue Ansätze als Alternative zu den traditionellen Hausaufgaben entwickelt worden, bis hin zur vollständigen Abschaffung von Hausaufgaben. Diese fördern eigenständige Bildungsprozesse, lösen Spaß und Engagiertheit aus und lassen Selbstwirksamkeit erleben. Das ist keineswegs nur über formales Lernen zu erreichen, sondern bezieht auch nonformales oder informelles Lernen9, Spiel und freie Gestaltungsräume für Kinder und Jugendliche ein.

Wie wir aus der Bildungsbehörde vernommen haben, planen Sie, eine neue verbindliche Richtlinie für mehr Hausaufgaben zu erlassen.

Eine verbindliche Richtlinie für Hausaufgaben würde die einseitige Aufkündigung der mit allen Akteuren im Ganztag gemeinsam entwickelten Qualitätsdimensionen bedeuten und die vielen neuen Ansätze und Konzepte an Schulen gefährden.

Sehr geehrter Herr Senator Rabe, wir fordern Sie auf, einen breiten öffentlichen Diskussionsrahmen zu ermöglichen, in dem das Thema Hausaufgaben und die damit verbundenen Fragen fachlich fundiert und diskursiv, unter Einbeziehung der wissenschaftlichen Erkenntnisse erörtert werden können.

Nehmen Sie Abstand von einer verbindlichen Richtlinie. Kaum ein Thema ist so permanent und kontrovers in der Diskussion, wie das Thema der Hausaufgaben. Lassen Sie die Vielfalt und Kreativität im Umgang damit zu und vertrauen Sie auf die demokratischen Aushandlungsprozesse in den Schulgremien und die Fachkompetenz der Lehrer- und Jugendhilfeteams an den Hamburger Ganztagsschulen!

Elimar Sturmhoebel / Jugendhilfereferent
Kontakt: elimar.sturmhoebel@soal.de

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1 Interview Himmelrath im DLF vom 21.12.2015
2 Studie von Prof. Gängler TU Dresden https://tu-dresden.de/tu-dresden/newsportal/news/hausaufgaben
3 Spiegel Online 31.01.2008
4 Welt vom 12.10.2015
5 http://www.sqa.at/pluginfile.php/813/course/section/373/hattie_studie.pdf
6 Franziska Bischof, Universität Bern
https://www.researchgate.net/publication/281550552_Integrierte_und_traditionelle_Hausaufgaben_in_der_Primarschule_- ein_Vergleich_bezuglich_Leistung_Belastung_und_Einstellungen_zur_Schule
7 Psychologie in Erziehung und Unterricht, 2016, 63. Jahrgang, Heft 2, S. 107-121, Autoren Dr. Sandra Moroni - Bern, Dr. Hanna Dumont - Berlin, Prof. Dr. Ulrich Trautwein – Tübingen
8 FAZ 31.01.2016
9 Nonformales oder informelles Lernen unterscheidet sich von formellem Lernen in der Schule dadurch, dass es selbstbestimmt, unorganisiert, unangeleitet ist und keinen formell dafür vorgesehenen Rahmen benötigt.
 

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