Hort-Exkursion (16.03.2010)
In Berlin ist seit 2005 umgesetzt, was im Rahmen der Schulreform auch in Hamburg geschehen soll: Die Hortbetreuung wurde eng an die Schulen angegliedert. Im Gegensatz zu den Hamburger Plänen, nach denen die Horte nachmittags in eilig umgebauten Klassenräumen ihre Betreuungsaufgaben wahrnehmen sollen, waren in Berlin von vornherein eigene Horträume in Schulen vorgesehen. Vor der Reform gab es in Berlin eine große Vielfalt an Schülerläden, größtenteils mit kleinen Gruppen von etwa 20 Kindern. Zwar gibt es auch heute noch einige dieser „Schülis“, doch haben sie in den meisten Fällen nur dort überlebt, wo es an den Schulen nicht ausreichend Räume für die Nachmittagsbetreuung gab.
Um Näheres über die Auswirkungen der Hortreform in Berlin zu erfahren, folgten am 19. Februar neun HorterzieherInnen aus SOAL-Mitgliedseinrichtungen sowie drei SOAL-MitarbeiterInnen der Einladung des Daks (Dachverband Berliner Kinder- und Schülerläden e. V.) in die Hauptstadt. Ihre erste Station war der Besuch der Berliner Horteinrichtung „Rosa Wolke“ in der Paul-Klee-Grundschule in Tempelhof. Für den Nachmittag war ein Gespräch mit zwei Trägerverbünden in den Räumen des Daks vorgesehen.
Die Horteinrichtung „Rosa Wolke“ hat in den vergangenen Jahren ihre Plätze rasant ausgebaut, wie die Leiterin Inge Lemm erzählte. An den Start ging die Kita mit 44 Betreuungsplätzen, im Sommer 2004 wurden daraus hundert. Nachdem die „Rosa Wolke“ eine Kooperation mit der Paul-Klee-Grundschule einging, verlegte sie auch ihre Räume dorthin. Heute gibt es 10 „Wolkengruppen“ in der Grundschule, die insgesamt 220 Kinder (Klasse 1 – 3) in eigenen Horträumen betreuen. Zusätzlich an vier Standorten außerhalb der Schule werden 100 Kinder (4. Klasse) betreut. Das Team der HorterzieherInnen besteht aus 29 erfahrenen PädagogInnen, die sich regelmäßig durch Fortbildungen weiterbilden. Die Kolleginnen und Kollegen kennen kaum Personalwechsel und haben gelernt, sich gut miteinander abzusprechen.
Seitdem vor zwei Jahren das jahrgangsübergreifende Lernen (JÜL) in den Klassen 1 – 3 zum Schulkonzept wurde, arbeiten 9 KollegInnen vormittags auch in den Klassen, wo sie zur Unterstützung der Kinder – wohlgemerkt, nicht der Lehrer! – eingesetzt werden. Im Nachmittagsbereich betreuen jeweils zwei HorterzieherInnen die 10 Gruppen in eigenen Räumen. Individuelle Absprachen und Ausnahmen sind bei der großen Anzahl der Kinder kaum möglich, berichtet Inge Lemm. Ab 6 Uhr morgens kommen Kinder in den Frühdienst, gehen danach in den Unterricht und kehren anschließend in den Hort zurück. Das Mittagessen wird in der Mensa serviert. Gruppenweise gehen die Hortgruppen in die Mensa, wo sie wenigstens 15 Minuten bleiben, um zu essen. Aus Platzgründen muss der Mensa-Besuch in drei Schichten erfolgen.
Die Kernzeit der Hortbetreuung ist von 13:30 Uhr bis 16 Uhr. Die Spätbetreuung findet danach bis 18 Uhr statt. Eine Hortpädagogin erzählte, dass manche Kinder sehr lange – bis zu 9 Stunden – täglich in der Schule seien. Die gut gemeinte Absicht der Lehrer, mit dem Unterricht erst gegen 9 Uhr zu beginnen, komme den Hortkindern, die in den Frühdienst kommen, nicht zugute, da sich ihr Schultag dadurch nicht verkürze. Wie die Hortpädagogin berichtete, bereite auch die Orientierung im großen Schulhaus manchen Kindern Probleme. „Insbesondere die fünfeinhalbjährigen Kinder, die gerade erst eingeschult worden sind, haben es schwer, sich in der Schule zurecht zu finden“, sagte Inge Lemm. Die Hortpädagogin wies darauf hin, dass Kinder, die intellektuell gesehen eine Schulreife haben, nicht zwingend auch die nötige Persönlichkeitsreife für den Schulbesuch entwickelt haben. „Es erfordert viel Mut, vor allen anderen auf seine eigenen Bedürfnisse zu achten“, sagte sie.
Auf dem Rundgang durch die Schule besichtigten die Exkursionsteilnehmer die Räume der Hortgruppen. Dabei fiel auf, dass die gemütlich eingerichtete Schulbibliothek verschlossen war. Dieser Raum, der auch als Rückzugsmöglichkeit dienen könnte, ist nur vormittags geöffnet und darf nur in Begleitung von Lehrern besucht werden. Frank Dorschel, Leiter des Hortes an der Schule Röthmoorweg, schildert seine Eindrücke: „Ich bin sehr beeindruckt von der Organisation des Teams, die es schaffen, 200 Kinder zu betreuen. Es muss allerdings für die Kinder sehr anstrengend sein, sich dauernd einem neuen Umfeld – Frühdienst, Schule, Hort – anzupassen. Dazu kommt noch die Herausforderung des jahrgangsübergreifenden Lernens, wo fünfeinhalbjährige Kinder mit Achtjährigen zusammenlernen. Ich habe mit einer Erzieherin gesprochen, die mir sagte, dass die Kinder aus ihrer Sicht damit sehr gut zurechtkämen. Trotzdem frage ich mich, wo kleinere Kinder in einem solchen Betrieb eigentlich die Möglichkeit haben, ihre Bedürfnisse kundzutun. Und ich frage mich auch, wer von den Erwachsenen diese Bedürfnisse sieht?“
Nachmittags trafen sich die Exkursionsteilnehmer mit drei VertreterInnen von zwei Trägerverbünden in den Räumen des Daks zum Gespräch. An Standorten, an denen Berliner Schulen keine ausreichende Kapazitäten hatten, sind Kooperationsverbünde zugelassen worden. So gibt es beispielsweise heute an einer der Schulen ein Wahlrecht der Eltern zwischen einer Nachmittagsbetreuung an der Schule oder aber im Schülerladen. Der Schulleiter, der dem Schülerladen sehr gewogen ist, achtet darauf, dass Kinder aus den Klassen möglichst gemeinsam in einer der Einrichtungen nachmittags betreut werden. Oft, so die Vertreter der Verbünde, wünschten Eltern mittlerweile die individuelle Betreuung ihrer Kinder durch die Schülerläden, da die Personalschlüssel in den Schulen schlechter seien. Sehr wichtig sei für die Verbünde der gute Kontakt zu Schulleitungen. Obwohl die Schülerläden von der Politik nicht mehr gewollt werden, setzten sich im günstigsten Fall Schulleitungen und Eltern für die Schülerläden ein. Die Vernetzung der Schülerläden untereinander sei sehr wichtig. Es habe sich auch als hilfreich erwiesen, einen festen Ansprechpartner aus den Schülerläden für die Schulleitungen zu wählen. Die gute Kommunikation zwischen den Trägern und eine gemeinsame Strategie gegenüber der Schule seien notwendig, da Schulen Einzelverhandlungen mit allen Trägern nicht führen könnten. Abgestimmte Positionen der Schülerläden gegenüber der Schulleitung seien das Wichtigste, so die Trägerverbünde.
„Für die Umstellung der Horte auf das neue System in Hamburg konnten wir wichtige Erkenntnisse gewinnen“ fasst Jutta Diederich, Fachberaterin bei SOAL, zusammen. „ Es gibt einige Anhaltspunkte bezüglich der Ausstattung und der organisatorischen Abläufe sowie der Zusammenarbeit mit der Schule, die beachtet werden müssen, damit eine gelingende Pädagogik im Sinne der Kinder in den künftigen großen Schulhorten möglich ist.“
Foto: Inge Lemm (Leitung Berliner Horteinrichtung "Rosa Wolke") im Gespräch mit Jutta Diederich (SOAL).
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