Kerensa Lee (29.09.2011)
Interview mit Kerensa Lee
Seit einigen Monaten finden im SOAL-Bildungsforum Seminare mit Kerensa Lee statt, die den Titel „Mathematik erfinden – mit gleichem Material in großer Menge“ tragen. Wer in ein Seminar von Kerensa hereinschaut, erblickt dort Menschen, die darin vertieft sind, mannshohe Türme aus Würfeln zu bauen, mehrfarbige Mosaiken aus bunten Quadraten zu legen oder Wälle aus Eisbechern. Maren v. Klitzing befragte Kerensa Lee zu den Hintergründen ihres Mathedenkens.
Die erste Frage lautete:
SOAL: Viele Erzieherinnen behaupten von sich, dass sie mit Mathe überhaupt nichts anfangen können. Aber deine Seminare sind bei ihnen trotzdem sehr begehrt. Was ist das Besondere an deinen Seminaren und was ist so anders an deinem Mathedenken?

Kerensa Lee: Ich liefere ein Material das dazu aufruft, strukturiert zu werden. Wer sich mit diesen Materialien befasst, hat die Freiheit, über eigene Assoziationen Objekte zu schaffen. In meinem Konzept spielt das gestaltende Tätigsein eine große Rolle, das immer auch ein innerer Dialog von Fantasie und Strukturieren ist. Die Arbeit in den Gruppen mit den Materialien kann wie ein innerer Monolog sein, oder auch wie zehn Monologe nebeneinander. Immer wieder gibt es Überschneidungen und Anregungen oder Phänomene wie Ideenwanderungen, so dass sich in Gruppen Themen finden, die sich wie ein roter Faden durchziehen.
Und was ist daran mathematisch?
Wenn ich mit gleichem Material in großer Menge umgehe, setze ich mich mit Struktur auseinander und darin finden sich immer wieder bestimmte mathematische Motive wie das Bilden von Modellen und das Bilden von Symmetrien. Auch bei Kindern lässt sich das beobachten. Ein typisches Beispiel ist das Legen von Reihenfolgen. Kinder machen das sehr gern, sie legen beispielsweise einen kleinen Schmetterling und daneben einen ganz großen – dann entsteht plötzlich auch noch etwas dazwischen. Da wir Menschen absolute Symmetriefanatiker sind, gleichzeitig aber immer differenzierte Strukturen abbilden wollen, gibt es typische Verläufe.
Was erfahren die Teilnehmerinnen heute in deinem Kurs?
Die Gruppe setzt sich zusammen aus Menschen, die in ihrer Praxis bereits mit dem Material arbeiten und aus solchen, die das zum allerersten Mal tun. Im Vordergrund geht es darum, tätig zu sein. Die Intention ist nicht Mathe zu machen, sondern Ideenentwicklung zu betreiben. Dann aber wollen wir gemeinsam gucken, worin Mathematik überall enthalten ist. Wir reflektieren, welche Fantasie jede Teilnehmerin dazu hatte oder welche Strukturgedanken. Außerdem gucken wir uns die Materialien an und finden heraus, was sie befördern.
Wie bist du eigentlich auf die Idee gekommen, mit gleichem Material in großer Menge zu arbeiten?
Die Vorgeschichte dazu begann, als ich Referendarin und mein Sohn noch im Kindergartenalter war. Unter meinem Schreibtisch befanden sich Säcke mit Groschen und Pfennigen, die ich für den Grundschulunterricht benutzt hatte und noch nicht wieder zurück zur Bank gebracht hatte. Ich saß damals an meiner Examensarbeit und hatte überhaupt keine Zeit für meine Kinder – zum Glück! Denn so konnte der fünfjährige Laris die Groschen und Pfennige „entwenden“, sie in sein Zimmer bringen und wochenlang damit ungestört spielen.
Was hat er mit den Geldstücken gemacht?
Er hat ausschließlich die Pfennige benutzt und lange Bahnen damit gelegt, dabei ist er sehr intensiv in das Zählen gekommen. Später hat er sich die 200er Scheine aus dem Monopoly Spiel seines Bruders geholt und auch damit lange Bahnen gelegt. Die ganze Zeit war er intensiv mit dem Zählen beschäftigt. Im Sommer hatte er damit angefangen und Weihnachten konnte er richtig Monopoly spielen und jede Summe selbst bezahlen. Er konnte also zählen und addieren. Dieser Lernprozess war komplett beiläufig passiert. Ich hatte kein Lernprogramm mit ihm gemacht, denn ich hatte ja nicht einmal Zeit. Zu diesem Zeitpunkt habe ich diese Erfahrung aber noch nicht auf die Schule und das Lernen übertragen.
Wie bist du schließlich auf die Idee gekommen, das Material professionell zu nutzen?
Das geschah, als ich den engagierten Freinetpädagogen und Kunstliebhaber Anton Strobel traf, der sich sehr mit der Frage beschäftigte, wie man einen anderen Matheunterricht hinbekommen könne. Er hatte als Kunstliebhaber ein anderes Auge auf die Dinge und fand Mathematikunterricht einfach gruselig. Ihm schwebte vor, eine Lernwerkstatt einzurichten und so besorgte er Materialien für ein Matheregal. Er stellte sich vor, dass jedes Kind 100 Pfennige bekommen solle und so holte er bei einer Bank für eine fiktive Gruppe 3000 Pfennige ab. Als er sie zuhause auspackte, fing er an damit zu spielen. Seine Erkenntnis war, dass man genau auf diese Weise Mathe unterrichten müsste. In diesem Moment sind wir uns begegnet.
Wie lief die Begegnung ab?

Anton Strobel präsentierte seine Idee anderen Lehrern und mir, der Referendarin. Damals war es - durch Anregungen von dem Franzosen Paul Le Bohec – ein Novum gerade kein Material zur Verfügung zu stellen und Mathe auf einem leeren Blatt mit dem Stift zu erfinden und dann über die Ideen dazu gemeinsam zu sprechen. Von daher war es innerhalb der Freinet-Szene der falsche Zeitpunkt jetzt mit Pfennigen daherzukommen. Aber als Strobel seine Idee vorstellte, ist mir die Kinnlade heruntergeklappt, denn ich dachte daran, was mein Kind zuhause mit den Pfennigen gemacht hatte. Und genau das erzählte ich Anton Strobel. Er fand das natürlich völlig spannend, und so hatten wir uns zwar nicht gesucht, aber gefunden. Danach haben wir über Wochen zusammengearbeitet, ganze Nächte durchgearbeitet. Irgendwann kam Anton Strobel mit Würfeln an und meine Kinder – und ihre Freunde – begannen sofort, damit zu bauen. Wir haben dann ganz viele Materialien ausprobiert. Letztendlich ist daraus geworden, dass ich nicht Grundschullehrerin geworden bin, sondern bei uns im Keller einen Zahlenraum eingerichtet habe. 2002 wurde daraus in der Uni Bremen ein Forschungsprojekt mit dem Schwerpunkt Konzeptentwicklung für die Praxis von Kita und Schule.
Inzwischen hast du ja sogar eine eigene Marke angemeldet
Ja, gemeinsam mit Anton Strobel. Sie heißt „Denkwerkzeug gleiches Material in großer Menge“. Außerdem es gibt noch das Klee-Material, das aus gleichen Quadraten und regulären Dreiecken besteht. Wir haben die Marke angemeldet, weil wir uns vor Nachahmern schützen wollen, die minderwertiges Material herstellen. Hersteller haben beispielsweise nicht ganz gleich lange Seiten oder auch zu sehr abgerundete Würfel verkauft, mit denen man nicht das bauen kann, was wir besonders wertvoll finden. Ich persönlich habe mich in den letzten Jahren in der Konzeptverbreitung sehr gefährdet gefühlt und möchte über die Markensicherung verhindern, dass Materialien auf den Markt kommen, mit denen es einfach nicht funktioniert. Und dass ein Konzept, zu dem ich sehr viel in der Praxis geforscht habe, in verfälschter Form als solches vermarktet wird. Ich möchte, dass das, was ich mache, eine Kontur behält und ein Pool ist, an dem aber durchaus auch weiter gearbeitet werden kann.
Was sind deine Wünsche für die Zukunft?
Letztes Jahr habe ich in Münster in der Stadtbücherei eine Aktionsausstellung gemacht, die ich gern internationalisieren würde. Dabei geht es aber nicht nur darum, in anderen Ländern dieses Konzept umzusetzen und dann wieder wegzufahren, sondern es soll ein Austausch entstehen zwischen den Menschen, der fortgesetzt wird. Ich selbst bin gebürtige Kanadierin, würde also gerne in Kanada anfangen. Wir sind derzeit in Verhandlung mit potentiellen Lizenznehmern in Bezug auf Materialherstellung und Konzeptverbreitung. Mein Wunsch in Deutschland ist es, dass es in einzelnen Städten Aktionsausstellungen und auch einzelne Modellhäuser gibt, wo Besucher für erste Begegnungen mit dem Konzept und dem Material kommen können und wo es auch Angebote für Kitas, Schulen und Fachkräfte gibt.
Vielen Dank für das Interview, Kerensa!
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