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Kita Mäuseburg (22.01.2013)

Kita Mäuseburg – von der Elterninitiative in die Selbständigkeit

Am 1. September 1987 eröffnet die Integrations-Kita Mäuseburg in Hamburg-Bergedorf ihre Türen. Es ist eine kleine Einrichtung, die aus fünfundzwanzig Kindern und vier Erzieherinnen besteht. Wie viele andere Einrichtungen der achtziger Jahre ist die Kita Mäuseburg eine Elterninitiative. Im Jahr 2010 – dreiundzwanzig Jahre nach der Gründung – übernehmen die beiden Erzieherinnen Manuela Komm und Silke Selaff die Geschäftsführung der Kita. Im letzten Jahr feierten sie das stolze 25-jährige Jubiläum der Kita Mäuseburg. Heute gehen die beiden Kita-Leiterinnen gern zu ihrer Arbeit, doch das war nicht immer so. Manuela Komm und Silke Selaff erzählen von ihren Erfahrungen in der Elterninitiative und von der Entwicklung, die schließlich zur Übernahme geführt hat.

Damals wie heute gibt es in der Kita Mäuseburg einen Trägerverein, der von den Eltern gebildet wird. Im Unterschied zu früher sind Manuela Komm und Silke Selaff seit zwei Jahren als gesetzte Vorstände tätig. Sie können nur abgewählt werden, wenn dreiviertel aller Eltern dafür stimmen. Der gewählte Elternbeirat hat die beiden Leiterinnen eingestellt und berät sie, sofern sie es wünschen. In Zeiten der Elterninitiative bestand der Vorstand ausschließlich aus Eltern. Elternarbeit war auch in diversen Arbeitsgruppen gefragt, und die AG-Teilnehmenden bestimmten aus ihren Gruppen Delegierte. „Die Arbeitsgruppen befassten sich mit dem pädagogischen Konzept, dem Personal, dem Bauen- und Renovieren, der Aufnahme von neuen Kindern und den Finanzen“, erinnert sich Manuela Komm. „Die Delegierten dieser Arbeitsgruppen trafen nahezu alle Entscheidungen in der Kita. Der Vorstand trug diese Entscheidungen mit. Wir Erzieherinnen wurden nicht mit einbezogen. So entschieden beispielsweise die Eltern der Wartelistengruppe, welche Kinder aufgenommen wurden – und gingen dabei häufig nach Sympathie vor.“

Jutta Diederich, Soal-Fachberaterin, leitet die Arbeitsgruppe „Kleine Kitas“, zu der sich Mitarbeiterinnen kleinerer Einrichtungen im SOAL Bildungsforum treffen, um ihre Erfahrungen auszutauschen. Schilderungen wie die der beiden Mäuseburg-Erzieherinnen sind ihr nicht unbekannt. „Gerade bei kleineren Elterninitiativen-Einrichtungen ist es problematisch, wenn den wenigen Erzieherinnen so viele Eltern, die viele Aufgaben übernommen haben, gegenüber stehen“, sagt sie. „Eltern arbeiten ehrenamtlich mit, machen vieles nebenbei und haben wenig Zeit. Als Folge der Überforderung funktioniert die Kommunikation manchmal nicht richtig und eine Arbeitsgruppe weiß nicht recht, was die andere tut. Da kann viel Frustration entstehen.“ Jutta Diederich rät den Betreibern von Elterninitiativen deshalb „den Mitarbeiterinnen viele Beteiligungsmöglichkeiten anzubieten. Idealerweise sollten Erzieherinnen auch im Vorstand vertreten sein.“

Vor der Kita Mäuseburg Schwierig für das Erzieherinnenteam der Kita Mäuseburg waren auch die häufigen Wechsel der Eltern in den verantwortlichen Positionen. „Jährlich wechselnde „Chefs“ brachten neue Ideen ein“, berichtet Manuela Komm. „Es kam vor, dass diese neuen Eltern plötzlich bestimmten, dass von einem Tag zum anderen Reggio-Pädagogik gemacht werden sollte.“

Doch die größte Schwierigkeit lag laut den Erzieherinnen in der fehlenden Wertschätzung ihrer Arbeit und ihres Arbeitsplatzes. „Ich brauchte für meine Arbeit einen funktionierenden Computer“, erzählt Silke Selaff. „Aber da hieß es, der Computer, den ein Vater mir zurechtgemacht hatte, funktioniere ja noch und man wisse nicht, ob man einen neuen genehmigen könne.“

„Überstunden, die sich bei mir angehäuft hatten, wurden weder ausgezahlt, noch gab es einen Freizeitausgleich“, erzählt Manuela Komm kopfschüttelnd.

„Eltern können unmöglich davon ausgehen, dass alles umsonst gemacht wird, nur weil Erzieherinnen im Sozialbereich arbeiten und aus Gutherzigkeit mehr leisten“, sagt Jutta Diederich dazu. „Die Eltern müssen anerkennen, dass es sich um bezahlte Arbeit handelt, auch wenn Erzieherinnen ihre Arbeit gern und liebevoll machen.“

Ein erhebliches Problem war auch die mangelnde Transparenz in manchen Arbeitsgruppen. „Wir hatten keine Einblicke in die Finanzen der Kita“, berichtet Silke Selaff. „Erst heute profitieren wir davon, dass die Mäuseburg auf Kosten der Erzieherinnen gewirtschaftet und gespart hat. Schwierig waren auch die langen Entscheidungsprozesse“, fügt sie hinzu. „Als eines Tages der Geschirrspüler kaputt war, hieß es, wir müssten den erst reparieren. Das allerdings bedeutete, dass wir wochenlang von Hand für fünfundzwanzig Kinder spülen mussten. Seitdem wir selbst verantwortlich sind, werden solche Fragen schnell gelöst. Wenn heute die Spülmaschine kaputt geht, bestellen wir einfach eine neue.“

Manuela Komm und Silke Selaff litten unter den schlechten Arbeitsbedingungen und fingen an, über eine Selbständigkeit nachzudenken. Als schließlich ein neuer Vater die Finanzen übernahm und als erstes eine Kürzung der Erzieherstunden durchsetzten wollte, war für sie eine Grenze erreicht. Sie beschlossen zu kündigen und sich mit einer eigenen Einrichtung selbständig zu machen. Doch ein Großteil der Elternschaft bat sie darum, zu bleiben. „Trotz allen Streitereien waren alle Eltern mit unserer pädagogischen Arbeit immer sehr zufrieden“, sagt Manuela Komm. „Das stand immer außer Frage.“

„In dieser turbulenten Zeit fanden fast wöchentlich Mitgliederversammlungen statt“, berichtet sie weiter. „Als die Eltern schließlich auf uns zukamen, brauchten wir aber erst einmal Bedenkzeit. Wir waren ganz und gar nicht sicher, ob wir die Mäuseburg – mit ihren vielen Altlasten – überhaupt übernehmen wollten.“

Gruppenraum der Kita Mäuseburg„Doch dann entschieden wir uns doch dafür“, sagt Silke Selaff. „Und wir haben es noch keine Sekunde lang bereut. In unserer Schließzeit schufteten wir zwei Wochen lang rund um die Uhr, um die Räume neuzugestalten. Wir haben bestimmt zehn Autoladungen an alten Sachen herausgeschafft. Es gab auch konzeptionelle Veränderungen. Wir mussten uns aufteilen, da ja die Elternarbeit wegfiel. Im pädagogischen Bereich legten wir die zwei Gruppen zu einer zusammen, dadurch konnten wir die Räume anders aufteilen. Es gab nun auch keine Gruppenleitungen mehr, vielmehr waren Manu und ich beides: Leitung und Gruppenleitung der Gruppe.“

„Wir haben konzeptionelle Teamtage veranstaltet, während die Mäuseburg geschlossen war, und dazu gearbeitet, wie wir uns verändern und neu einteilen werden. Alle Entscheidungen haben wir gemeinsam im Team entwickelt. Wir waren damals mit einer weiteren Erzieherin zu dritt. Heute sind wir vier Kolleginnen, die ganztägig arbeiten“, so Komm. „Seit dem wir die Leitung übernommen haben, gab es keinen Tag, an dem ich nicht gern hier her gekommen bin. Das hat sehr viel in meiner Haltung und meiner Grundstimmung geändert. Auch der Kontakt zu den Eltern hat sich grundlegend geändert, überhaupt ist die ganze Stimmung anders.“

„Ich glaube, wir mussten erst lernen, den Eltern mit Selbstbewusstsein zu begegnen“, sagt Silke Selaff. „Heute können wir ihnen sagen, Kindergärten gibt es genug, und wenn wir nicht zusammen passen, dann müsst ihr leider gehen. Seitdem geht es uns gut hier. Einem Vater, dem ich das gesagt hatte, hat mich plötzlich ganz anders wahrgenommen. Alle sind dankbar für die Veränderung. Sogar aus der Behörde kam eine frohe Rückmeldung darüber, dass ich immer noch die Ansprechpartnerin bin. Und ich konnte endlich antworten: Ja, das bin ich und das bleibe ich auch.“ 

Nachbemerkung: Nach Erfahrung von SOAL befinden sich viele Mitgliedseinrichtungen in einem Prozess, in dem sie ihre Strukturen überdenken, weil sie an Grenzen mit dem Bisherigen kommen. Die SOAL-Fachberatung steht ihren Mitgliedern für die Unterstützung dieser Prozesse zur Verfügung. Angebote für eine Weiterqualifizierung von Leitungen und Geschäftsführungen finden sich auch im SOAL Fortbildungsprogramm 2013.

 

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