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Lernen (02.11.2011)

Lernen

Lernen
Zur Schule gehen wie zum Zahnarzt

Wie kommt es eigentlich, dass wir 99 Prozent des Wissens, das wir für unser Leben brauchen, in den allerersten Jahren erwerben, und uns danach den Rest mühsam einpauken müssen? Die Hirnforschung ist dem Rätsel dicht auf den Fersen, und die Neurodidaktik liefert wertvolle Erkenntnisse darüber, wie uns das Lernen auch in späteren Jahren leichter von der Hand gehen könnte.

(Hamburg Nordost Magazin – Nov. 2011) Das Gehirn eines Kindergarten-Neulings ist doppelt so aktiv wie der seines Vaters oder seiner Mutter. Hirnforscher haben nachgewiesen, dass dies die Zeit ist, in der jeder Mensch ein Lern-Genie ist: Wir lernen aufrecht zu stehen, zu laufen, zu verstehen, zu sprechen, und wir beginnen, die Sinnzusammenhänge der Welt zu begreifen. Der Grund für die Spitzenleistung: Das Wissen wird dann angeboten, wenn es gewünscht wird – das Kind stellt die Fragen, die Umwelt antwortet. Auf diese Weise füllt sich das Hirn so schnell und nachhaltig wie nie wieder im Leben.

Leider ist das Lern-Fenster nur für kurze Zeit so weit offen, mit dem Ende des ersten Lebensjahrzehnts beginnt der Abbau der 100 Billionen Synapsen (Verbindungen zwischen den Nervenzellen des Gehirns) auf rund die Hälfte: Das Hirn gibt ungenutzte Verbindungen auf, reagiert auf mangelnde Auslastung und passt sein Aufnahmevermögen dem an, was im Angebot ist. Dabei bleibt  es dann bis zum Ende des Lebens. „Eine unvorstellbare Vergeudung von Potential!“ nennt Hirnforscher Prof. Gerald Hüther (Göttingen) das. Und er weiß auch, wer dafür verantwortlich ist: Unsere Lehranstalten. Wollte man das Hirn auch weiterhin sperrangelweit offen halten, „bräuchte man etwas anderes als unsere  bisherige Schule“, sagt er. „Die Vorstellung, jemandem anderen etwas beizubringen, stammt aus einer Zeit, in der Dressurmethoden angewendet wurden, die hirntechnisch völliger Unsinn sind.“ Worauf es stattdessen ankommt: „Kinder einzuladen, sich die Welt anzueignen.“ Leider läuft es in der Realität anders herum: Die Welt eignet sich die Kinder an.

„Es gibt Schulen, wo die Kinder weinen, wenn Ferien sind“

Dabei könnte alles ganz einfach sein. „Das Gehirn kann nichts besser und tut nichts lieber als lernen“, erklärt Neurologe Prof. Herbert Beck, „vorausgesetzt, man geht richtig mit ihm um. Lernarrangements, die sich durch einen hohen Grad an Selbstorganisation auszeichnen, erlauben es dem Individuum, sich eigene Denkstrukturen zu organisieren.“ Solche „Lernarrangements“ (sprich: Schulen) existieren, vereinzelt und versteckt zwar, aber es gibt sie. „Das sind Schulen, wo die Kinder weinen, wenn sie in die Ferien müssen“, sagt Hüther.

Alle übrigen atmen stattdessen durch, wenn der letzte Schultag eingeläutet wird. Laut einer Studie der ZFD-Medienforschung ist die Schule bei Kindern und Jugendlichen der „Glückskiller Nummer eins“ und wird mit zunehmendem Alter zu „einer düsteren Gegenwelt“. Besucht noch jeder zweite Erstklässler „sehr gern“ seine Schule, tun das nur noch 16 Prozent der 13jährigen. Das Problem sei, „dass in Deutschland jeden Tag die Kinder in die Schule gehen, ohne zu wissen, warum,“ erklärt Dr. Elsbeth Stern, Professorin am Institut für Verhaltenswissenschaften in Zürich, „denn es wird vielerorts noch Unterricht wie vor 50 Jahren gemacht.“ Drastischer formuliert es Reinhard Kahl, Gründer des „Archiv der Zukunft“, das die Entwicklung der Bildung in Deutschland (und anderen Ländern) dokumentiert: „Sie gehen zur Schule wie zum Zahnarzt.“

Wie kann das angehen, wo doch „das Gehirn kaum etwas lieber tut, als Neues zu erfahren? Warum bevölkern Heerscharen unlustiger Schüler Deutschlands Klassenzimmer?“ fragt Prof. Beck und liefert die Antwort gleich mit: „Die Schüler lernen nach dem Oberkellner-Prinzip: Wenn ein Tisch abgeräumt ist, wird alles vergessen, damit Platz ist für den nächsten Gang.  Und wenn dann noch die Rahmenbedingungen (Klassengröße, Einrichtung, Langeweile, Unterforderung) nicht dazu angetan sind, freudige Empfindungen aufkommen zu lassen, dämpft das Hirn seine Neugier. Vor allem Angst und Stress sind schlechte Lehrmeister, denn sie führen im Körper zur Ausschüttung des Hormons Cortisol, das die Hirnfunktionen beeinträchtigt.“ Für Prof. Hüther ist das eine „völlig inakzeptable“ Situation: „Es ist kein Naturgesetz, dass 40 Prozent der Kinder mit Angst zur Schule gehen müssen“, sagt er.

Naturgesetz ist das zwar nicht, aber Menschengesetz: „Der Unterricht orientiert sich an den Anforderungen, die im jeweiligen Rahmenplan beschrieben sind“ sieht zum Beispiel der „Bildungsplan Grundschule Hamburg“ vor. Er legt detailliert fest, welche Regelanforderungen zu erfüllen sind. Wer damit nicht klar kommt, bleibt sitzen oder fliegt raus. 20 Prozent eines Jahrgangs verlassen die Bildungsinstitutionen ohne Abschluss, in Hamburg gelten mehr als 25 Prozent der 15jährigen als „Risikoschüler“, das heißt, ihre Lesebildung ist auf Grundschulniveau stehen geblieben.

KMK – das Hasskürzel aller Bildungsreformer

Dass so etwas nur selten an den Kindern liegt, bezweifelt niemand, KMK lauten die Hassbuchstaben engagierter Lehrer und Bildungsreformer: „Kultusministerkonferenz“. Hier, wo man über 4000 verschiedene Lehrpläne in den Schubladen hortet, wird versucht, die zersplitterte Bildungspolitik zu koordinieren, die immer wieder im Rhythmus von Landtagswahlen und wechselnden Koalitionen durcheinander gerüttelt wird – ein Zustand, der im Ausland auf Kopfschütteln und Unverständnis stößt.  Auch die Deutschen sind alarmiert: Zwei Drittel möchten laut Allensbach-Umfrage die Schulpolitik nicht länger in den Händen der Länder sehen, viele sogar überhaupt nicht mehr in der Obhut des Staates. Doch da ist der Wunsch der Vater des Gedanken. Schulpflicht ist zwar nicht im Grundgesetz geregelt, aber in den einzelnen Länderverfassungen, die die Überwachung der Schulpflicht den Erziehungsberechtigten überträgt. Vernachlässigung dieser Pflicht kann je nach Bundesland mit Geld- und Haftstrafen oder Entzug des Sorgerechts geahndet werden. In den meisten übrigen Länder gibt es stattdessen eine „Bildungspflicht“. Wo man seine Bildung erwirbt, bleibt jedem selbst überlassen – wenn er will, an staatlichen Einrichtungen, wenn es ihm lieber ist, woanders. Deutschland ist das einzige Land der westlichen Welt, in der die staatliche Schule der Regelweg ist, von dem nur in Ausnahmen abgewichen werden kann.

3000 Privatschulen – ginge es nach den Eltern, wären es noch viel mehr

„Soll die Erziehung Menschen bilden, bedarf es des Staates nicht“, urteilte der Universitätsgründer und Philosoph Wilhelm von Humboldt (1767-1824). Fast überall auf der Welt teilt man diese Meinung: In Kanada erhalten Eltern, die ihre Kinder zuhause unterrichten, bis zu 1000 Dollar monatlich. Das soll für Chancengleichheit mit der staatlichen Schule sorgen.

Es muss ja nicht gleich „home-schooling“ sein: In Deutschland würden 43 Prozent der Eltern ihre Kinder lieber an Privatschulen geben (TNS-Infratest), 80 Prozent halten die Reformbereitschaft der Politik für „gering“ oder „sehr gering“ (Studie Bildung 2011). Aber der Trend lässt sich nicht völlig unterdrücken: Immerhin gibt es mittlerweile 3000 Privatschulen, jedes 12. Kind (700000) besucht eine solche. Am verbreitetsten sind die Alteingesessenen wie Waldorf- und Montessorischulen, aber auch neue Modelle wie die  „Demokratische Schule“ (nach dem Vorbild der legendären Summerhill-Schule in Suffolk /England) gewinnen an Boden, weltweit gibt es über hundert davon, in Berlin wurden jetzt die ersten gegründet.

Das ist leichter gesagt als getan. Wer in Deutschland eine private Schule gründen will, muss viele Steine aus dem Weg räumen. „Diejenigen Menschen, die für Bildung zuständig sind, sind sehr, sehr konservativ“, weiß einer der weltweit führender Lehrer für kreatives Denken, der Brite Edward de Bono, „sie trauen sich nicht, neue Wege zu gehen.“

Deshalb müssen andere ran, um die Bildungslandschaft umzugraben, zum Beispiel Prof. Jürgen Baumert, langjähriger  Direktor des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Berlin und wie kaum ein Zweiter berufen, die richtigen Schlüsse aus dem „Pisa“-Desaster zu ziehen. Sein von der Bundesregierung eingesetzter „Bildungs-Beirat“ hat in kurzer Zeit soviel bewegt (zumindest in den Köpfen), dass laut OECD „10 Jahre nach dem ersten Pisa-Test im deutschen Schulsystem enorm viel in Bewegung gekommen ist“.  Baumerts Haupt-Botschaft: Die ‚Input’-Philosophie der Philologen müsse von einer neuen Lehr- und Lernkultur abgelöst werden, die auf die Fähigkeit setzt, sich „Wissen kraft des eigenen Kopfes“ anzueignen.
 
Baumerts Anstöße finden Gehör. „Alles ist zur Zeit diskutierbar“, freut er sich, „auch die Voraussetzungen für selbst organisiertes Lernen, Problemlösefähigkeit oder gar soziale Kompetenzen.“ Modellversuche mit Namen wie „selbstständige Schulen“ oder „operativ eigenständige Schulen“ sprießen mit Billigung und Förderung der politisch Verantwortlichen aus dem Boden. Denn die Haupterkenntnis der Studie lautete, dass eigenverantwortliche Schulen die besten Ergebnisse bringen.

Solange lernen, bis es genug ist

So kommt es, dass Bundesländer ihren Schulen erlauben, sich nicht mehr jede Geldausgabe genehmigen lassen zu müssen, ihre Budgets selbst zu verantworten, sich Sponsoren zu suchen und eingespartes Geld nach Gutdünken einzusetzen. Selbst heilige Kühe werden geschlachtet: An der Borwinschule in Rostock wurde der Unterrichtsbeginn nach hinten verlegt, um vorher Einzelunterricht zu geben, weil das besser zum Biorhythmus der Schüler passe; die Ganztagsschule Rostock führte eine eineinhalb Stunden lange Mittagspause ein, um den Schülern genügend Zeit zum abspannen zu geben; am Sankt-Irmengard-Gymnasium in Garmisch halten die Schüler einmal pro Woche den Unterricht selbst ab; an der Kaufmann-Volksschule in Bobingen wird Business-Englisch gelehrt; manche Schulen setzten bestimmte Fächer für ein halbes Jahr aus, um sie danach umso kompakter zu unterrichten, andere unterrichten nur noch in Doppelstunden, manche gar mehr in nicht festgelegter Minuten-Dauer –  man macht solange, bis es genug ist.

Auch die Umgebung wird neu überdacht: „Schule als Lebenswelt und nicht nur als Lernort“ ist das Konzept, mit dem zum Beispiel die Wartburg-Grundschule in Münster „Schule des Jahres“ 2008 wurde: Die Gebäude sind wie in einen Dorf angeordnet mit Forum in der Mitte und Lernhäusern drum herum, in denen klassenübergreifend unterrichtet wird – wie früher auf dem Dorf.

Erste zaghafte Schritte, die viel Applaus finden: „Kinder sprechen 100 Sprachen, und Erziehung ist der Versuch, diese Sprachen zu verstehen“, begrüßt Reinhard Kahl die Bemühungen, ebenso wie die Initiatorin der „Freien Schule Anne-Sophie“ in Künzelsau, Bettina Würth: „Der Lernwunsch des Kindes muss im Mittelpunkt stehen. Es nützt nichts, nach jeder Pisa-Studie neu rumzudebattieren.“

Damit liegt sie genau auf der Linie der Hirnforschungs-Erkenntnisse. Prof. Herbert Beck: „Das Beste, was man für ein Kind tun kann, ist sorgfältig darauf zu achten, welche Fragen es stellt und sie dann möglichst erschöpfend zu beantworten. Das bedeutet, dass nicht alle Schüler – wie an herkömmlichen Schulen – zur gleichen Zeit das Gleiche lernen, sondern es müssen individuelle Zugänge mit individuellem Zeitbedarf möglich sein.“

„Zuhören und zusehen genügt nicht“

Deutschlands führender Hirnforscher, Prof. Wolf Singer vom Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt/M., nennt einen weiteren wesentlichen Faktor: „Das Selbermachen ist entscheidend. Sinnessignale können nur dann stukturierend auf die Hirnentwicklung Einfluss nehmen, wenn sie eine Folge von Interaktionen mit der Umwelt sind.“

Diesbezüglich stellt die Hirnforschung dem gegenwärtigen Schulsystem eine katastrophale Beurteilung aus: Still auf dem Stuhl zu sitzen und zuhören zu müssen ist die schlechteste denkbare Lernsituation –  je jünger die Kinder, desto schlechter. Tätig sein statt stillsitzen muss es stattdessen heißen: „Kinder und Schüler erwerben in rasanter Geschwindigkeit Wissen und generieren Fähigkeiten, wenn sie dabei möglichst viel selbst ausprobieren und tun können“, erklärt Herbert Beck. „Lebewesen lernen dann am besten, wenn sie selbst tätig sind, bloßes Zuschauen und Zuhören genügt nicht.“

Der Königsweg: „Der Übergang zwischen Kindergarten und Schule müsste fließender sein“, wünscht sich Prof. Singer. Vermutlich braucht man für diese Erkenntnis kein Hirnforscher zu sein: Auf der Prioritätenliste der Bundesbürger steht auf Platz zwei (nach mehr Geld für die Schule) „zusätzliche Investitionen im frühkindlichen Bildungssektor“ (Studie Bildung 2011). 40 Prozent der Deutschen ist für Kita-Pflicht ab drei Jahren. Damit liegen sie wohl richtig, denn Erzieherinnen und Erzieher in Kindergärten könnten das riesige Potential wecken – doch dem Lebensalter mit der größten Lernfähigkeit wird seitens des Bildungssystems die wenigste Aufmerksamkeit geschenkt. Viele Pädagogen vor Ort bringt dies täglich auf die Palme, so wie die Direktorin des Pestalozzi-Fröbel-Hauses in Berlin (eine der ältesten Ausbildungsstätten Deutschlands), Dr. Sabine Hebenstreit-Müller: „Die seit der Entdeckung der Psychoanalyse selbstverständliche Erkenntnis, dass die ersten sechs Lebensjahre die entscheidenden Bildungsjahre sind, ist im deutschen Bildungssystem nicht verankert.“

„Aber tabu ist es immerhin auch nicht mehr“, hat Andreas Schleicher, Bildungsforscher und internationaler Koordinator der „Pisa“-Studien, festgestellt. So sind zum Beispiel in Baden-Württemberg 200 „Bildungshäuser“ entstanden, in den Drei- bis Zehnjährige zusammen spielen und lernen. Die wissenschaftliche Begleitung des Projekts wird vom Bundesbildungsministerium finanziert.

Die Qualität solcher Versuche steht und fällt natürlich mit den handelnden Personen: Jeder Einzelne der  800.000 Lehrer und 350.000 Erzieher macht den Unterschied zwischen gutem und schlechtem Lernen. Was sie außer ihrem Fachwissen beisteuern müssen, wird an keiner Universität gelehrt: Die richtige Lern-Atmosphäre schaffen. Forschungen zeigen nämlich, dass Informationen sich umso leichter im Gehirn festkrallen, je mehr sie mit positiven Emotionen verknüpft sind. „Wenn die Emotionen nicht stimmen,“ erklärt Prof. Manfred Spitzer, ärztlicher Direktor der Psychiatrie am Uniklinikum Ulm, „kann der Fachdidaktiker vorne Hokuspokus machen, soviel er will: Die Kinder schnallen trotzdem nichts.“ Sind Informationen und Lerninhalte emotional positiv aufgeladen, werden Botenstoffe wie Dopamon und Acetylcholin ausgeschüttet, die die Gedächtnisleistung verstärken – umgekehrt sind es Denkblocker wie Cortisol. Dann gestaltet sich der morgendliche Gang zur Schule tatsächlich wie der Gang zum Zahnarzt: Augen zu und durch, und dann ganz schnell vergessen.

Karsten Flohr

Quelle: Hamburg Nordost Magazin – Nov. 2011
Wir bedanken uns für die freundliche Abdruckgenehmigung. 

 

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