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mamamia (28.03.2011)![]() In der Kinderkrippe mamamia. mamamia – Kinderkrippe, Elterncafé und Ort der Zukunft Signore e Signori, vogliamo presentarle mamamia! Wenn eine Kinderkrippe und das dazugehörende Elterncafé den klangvollen Namen „mamamia“ hat, muss man es einfach auf Italienisch vorstellen, auch wenn die Einrichtung in Borgfelde und somit mitten in Hamburg liegt. Mamamia, das ist ein Ort für kleine Kinder und deren Mütter, die selbst oft noch Teenager sind. Während die Kleinen in der Krippe betreut werden, gehen die jungen Frauen zur Schule. Es ist sicher nicht leicht, jung zu sein, sich von den eigenen Eltern abzugrenzen und gleichzeitig ein Kind großzuziehen. Zum Glück finden die jungen Frauen bei Alltags- oder Erziehungsproblemen aller Art professionelle Unterstützung beim mamamia-Team, das sogar ein Frühinterventionsprogramm für die Beziehung zwischen Eltern und Kind anbietet. Mit ihrem besonderen Konzept gewann mamamia im letzten Jahr den Hamburger Bildungspreis sowie den zweiten Platz des Präventionspreises Frühe Hilfen 2010. Grund genug, die beiden Projektleiterinnen Edith Burat-Hiemer und Heike Wills danach zu befragen.
SOAL: Wie entstand die Idee, diese besondere Kinderkrippe zu eröffnen?
Burat-Hiemer: Sie entstand auf einer Fortbildung, wo sich zwei Schulleiter trafen und miteinander ins Gespräch kamen: Der eine hatte an seiner Fachschule sozialpädagogische Fachkräfte für den Bereich Erziehung und Bildung. Der andere hatte minderjährige Mütter in den Klassen – und das Problem, dass sie nicht zum Unterricht kamen, weil sie sich um ihre Kinder kümmern mussten. Diese zwei Schulleiter entwickelten die Idee, die Kinder der minderjährigen Mütter mit Hilfe der sozialpädagogischen Fachkräfte zu betreuen, sodass sie sich wieder dem Unterricht zuwenden können.Sie haben das Konzept für die Kinderkrippe geschrieben. Wie sind Sie dabei vorgegangen?
Burat-Hiemer: Zusammen mit einer Kollegin habe ich zunächst zwei Jahre lang recherchiert und viele Krippeneinrichtungen besucht. Außerdem habe ich mit den jungen Müttern Unterricht gemacht, da ich auch als Lehrerin an der Schule tätig bin. So entstand allmählich eine Vorstellung davon, was sich die Mütter für ihre Kinder wünschten. Und das war ein Ort, der Sicherheit ausstrahlt und schön ist.
Was ist der inhaltliche Schwerpunkt ihrer Einrichtung, und wie haben Sie ihn entwickelt?
Burat-Hiemer: Dabei kam uns der Zufall zu Hilfe. Wir hatten nämlich an unserer Schule eine schwangere und relativ junge Schülerin, die bereits die sozialpädagogische Ausbildung abgeschlossen hatte. Sie meldete ihr Kind in unserer Krippe an, wirkte aber häufig merkwürdig bedrückt. In einem Elterngespräch stellte sich dann heraus, dass sie von ihren Mitschülern dafür kritisiert wurde, dass sie ihr Kind in die Krippe gab. Sie prophezeiten ihr, dass es dadurch garantiert verhaltensauffällig werden würde…
Aha.
Burat-Hiemer: Wir beruhigten die Mutter und versicherten ihr, dass sie eine exzellente Bindung zu ihrem Kind haben würde und umgekehrt natürlich auch das Kind zu ihr. Für uns war dies gleichzeitig der Einstieg in eine ganz intensive Auseinandersetzung mit der Bindungstheorie. Die Geschichte mit der jungen Mutter ging übrigens noch weiter.
Erzählen Sie!
Burat-Hiemer: Die junge Frau beendete ihre Erzieherinnenausbildung und studierte dann an der HAW Sozialpädagogik. Dort traf sie auf Professor Gerhard Suess, der dort klinische und Entwicklungspsychologie lehrt. In seinen Seminaren erzählte er, wie Krippen eigentlich arbeiten sollten, es in der Realität aber leider selten tun. Die junge Mutter wies immer wieder daraufhin, dass unsere Einrichtung genau so arbeite. Schließlich wurde Prof. Suess neugierig und kam zu uns, um zu hospitieren. Daraus ist eine intensive Zusammenarbeit geworden.
Heike Wils: Professor Suess hat das Frühinterventionsprogramm STEEP* aus Amerika nach Deutschland geholt. Das Ziel dieses Frühinterventionsprogrammes ist es, die Eltern-Kind-Beziehung zu stärken. Wir beschlossen, uns zu STEEP-Beraterinnen ausbilden zu lassen und waren gleich im ersten Durchgang dieser Ausbildung dabei.Warum war das wichtig für Sie?
Wils: Wir haben gemerkt, dass es einen großen Gesprächsbedarf bei den jungen Müttern gibt. Die Kollegen in der Gruppe haben sich zwar sehr bemüht, diesen Gesprächsbedarf aufzufangen, aber eine Kinderkrippe hat natürlich eher den Auftrag, sich um die Bildung der Kinder zu kümmern.
Burat-Hiemer: Die Mütter saßen in den Hängematten, schaukelten dort vor sich hin und erzählten uns einfach alles. Professor Suess ermunterte uns, Know-how zu entwickeln, um noch intensiver mit den Müttern arbeiten zu können. Der Gesprächsbedarf der Mütter sollte professionell aufgefangen werden, da kam STEEP ins Spiel.
Können Sie kurz erklären, was STEEP ist?
Wils: STEEP wurde entwickelt, um insbesondere Mütter aus sogenannten Hoch-Risiko-Konstellationen beim Aufbau der Beziehung zu ihren Kindern ab der Schwangerschaft zu unterstützen. Es besteht aus einem Alltagsberatungsangebot und einer STEEP-Intervention. Diese Intervention hat drei Elemente: Die Videoarbeit, die Gruppenarbeit oder Elternarbeit und die Hausbesuche.
Unter Hausbesuchen, Alltagsberatungen und Gruppenarbeit kann ich mir etwas vorstellen. Was aber passiert bei der Videoarbeit?
Wils: Wir filmen die Eltern in drei Standardsituationen: Beim Füttern, Wickeln und in einer – abhängig vom Alter des Kindes – Spiel/Lern- oder Wickelsituation. Diese drei Standardsituationen beinhalten immer eine Interaktion zwischen der Mutter bzw. dem Vater und dem Kind. Die STEEP-Beraterinnen gucken sich mit der Mutter oder dem Vater die Aufnahmen gemeinsam an. Das Besondere daran ist, dass es im nachfolgenden Gespräch immer darum geht, was gut war. Wo es Ressourcen bei den Eltern gibt, die man stärken kann.
Und was ist mit den Dingen, die nicht so toll laufen?
Wils: Häufig benennen die Mütter oder Väter sie selbst, zum Beispiel: „Oh, ich habe gar nicht mit meinem Kind gesprochen …“ Das hat einen ganz anderen Effekt, als wenn wir dies täten. Gerade im pädagogischen Bereich geht es leider häufig nur darum, was man nicht kann. STEEP denkt aber genau anders herum: Es ist lohnenswert, erst einmal das Positive zu sehen. Auch bei unseren jungen Müttern, die teilweise aus stark belasteten Familien kommen, können positive Ansätze vorhanden sein, die manchmal nur ein wenig verschüttet sind und rausgekitzelt werden möchten. Das ermöglicht auch der Mutter einen Perspektivwechsel. Was mache ich eigentlich gut, was kann ich? Auf diese Weise kann die Erziehungskompetenz der Mutter gestärkt werden. In Krisensituation gibt dies Kraft, sich auf das zu besinnen, was man gut kann.
Nachdem Sie die STEEP-Ausbildung abgeschlossen hatten, eröffneten Sie das Elterncafé.
Burat-Hiemer: In den Räumen des Elterncafés können wir Gespräche mit den jungen Müttern führen, filmen und unsere Beratungsarbeit leisten. Es gibt eine sehr enge Vernetzung zwischen Kinderkrippe und Elterncafé. Wenn die Kolleginnen also morgens bemerken, dass eine Mutter mit einem ganz verschlossenen Gesicht ihr Kind in der Krippe abgibt, können sie sofort reagieren und nachfragen: „Ich sehe, Sie hatten keine gute Nacht. Mögen Sie mitkommen, wollen wir kurz reden?“ Im Elterncafé gibt es eine sofortige Krisenintervention oder aber die Möglichkeit, sich für den Nachmittag zu verabreden.
Bei mamamia sind die jungen Mütter wirklich gut aufgehoben.
Burat-Hiemer: Na ja, früher gab es Großfamilien und dort war immer jemand, der sich um die Kinder kümmerte. Ich kenne das von meiner eigenen Kindheit in der Südsteiermark. Im großen Familienverband ging kein Kind verloren. Diese Ausgrenzung von Alleinerziehenden, die heute passiert, finden wir total krank. Kennen Sie das Sprichwort ‚Um ein Kind großzuziehen, bedarf es eines ganzen Dorfes‘? Wir finden, dass wir so ein Dorf sind, ein Dorf der Zukunft.
Herzlichen Dank für das Interview!
*STEEP - Step toward effective and enjoyable parenting,zu deutsch: „Schritte hin zu gelingender und Freude bereitender Elternschaft“
Weitere Informationen unter: www.mamamia-hamburg.de
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