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Nachhaltigkeit (27.03.2009)

Nachhaltigkeit

An einem Mittwochnachmittag trafen sich Jutta Diederich, Fachberaterin bei Soal, Meike Wunderlich von der S.O.F. Save our future -Umweltstifung und Initiatorin von KITA21 sowie Claus Reichelt, Geschäftsführer von Soal, um über nachhaltige Bildung in der Kita zu diskutieren. Was ist überhaupt eine nachhaltige Bildung und warum spielt sie schon in der Kita eine wichtige Rolle? Das waren nur einige Punkte, über die gesprochen wurde. Maren v. Klitzing, Online-Redakteurin Soal, führte durch das Gespräch.

Zuerst einmal ganz grundsätzlich: Was versteht ihr in euren unterschiedlichen Tätigkeiten unter Nachhaltigkeit?

meike.JPGMeike Wunderlich: Nachhaltige Entwicklung – das bedeutet für mich ein Verhalten, das die Lebensgrundlagen zukünftiger Generationen sicherstellt. Dazu gehört natürlich die Schonung der Ressourcen, denn kein Mensch, kein Tier und keine Pflanze wird ohne Boden, Wasser und Luft auskommen. Auch der schonende Umgang mit Rohstoffen, wie Öl und Kohle, ist ein Teil davon. Dabei sollten jedoch auch soziale, wirtschaftliche und kulturelle Interessen abgewogen werden. Auf der Handlungsebene gehört dazu, umsichtig, verantwortungsvoll und mit offenen Augen durch die Welt zu gehen – mit Blick auf die Gegenwart und die Zukunft.

 
Claus Reichelt:
Ein wesentlicher Aspekt der Nachhaltigkeit besteht für mich darin, clausnach.JPGeinen Bewusstseinsprozess zu unterstützen, der den Blick auf die sich verändernde Welt eröffnet. Eine Welt, deren Ressourcen aus unterschiedlichen Gründen zerstört werden und in der die Lebensperspektiven für uns und unsere Kinder immer fragiler werden. Es geht dabei auch um die Frage, welche Selbstorganisation man braucht, um ein Bewusstsein oder auch Umweltbewusstsein zu entwickeln.

 

 


juttanach.JPGJutta Diederich:
Nachhaltigkeit ist der Gedanke des schonenden Umgangs mit den Ressourcen in den Kitas. Diese Haltung sollte sich auch in den Bildungserfahrungen der Kinder wiederfinden. Wichtig für die Kinder sind erlebte Naturerfahrungen, durch die sie eine Wertschätzung der Natur; für Tiere und Pflanzen erfahren. Als Voraussetzung dafür sehe ich das Kennenlernen und Erfahren von Natur an, damit die Kinder sich damit identifizieren können. Nachhaltigkeit bezieht sich ebenso auf den sozialen Aspekt, auf das Miteinander in der Kita, im Team oder mit den Eltern und Kindern. Weitere Aspekte wie Geschlechtergerechtigkeit und Umgang mit verschiedenen Kulturen gehören dazu.

 

Claus Reichelt: Du hast von Wertschätzung gesprochen. Ich glaube, Menschen, die sich nicht selbst wertschätzen lernen, werden immer Schwierigkeiten damit haben, eine solche Haltung anderen gegenüber oder auch ihrer Umwelt entgegenzubringen. Letztendlich gehört zum nachhaltigen Bewusstsein auch eine Persönlichkeitsentwicklung.

Unter einem nachhaltigen Handeln versteht ihr also vor allem eine bestimmte ethische (Lebens-)Haltung?

Jutta Diederich: Nicht nur. Im weiteren politischen Sinne gesehen, beinhaltet Nachhaltigkeit auch die Verteilung von Ressourcen, wie Wasser und Energie. Es geht darum, den Blick - auch in den Kitas - dafür zu schärfen, wie Menschen unterschiedlicher sozialer Herkunft unterstützt werden können. Und was wir als Verband dafür tun können, damit sozial benachteiligte Kinder die gleichen Chancen haben wie andere.

Claus Reichelt: Ich finde interessant, dass oft nur vom Erhalt der Ressourcen gesprochen wird. Als ob es damit getan wäre! In Wirklichkeit geht es auch um eine andere Verteilung. Eine wirkliche Veränderung wäre nachhaltiges Handeln, das die Machtfrage in den Zeiten der Globalisierung einbezieht.

Meike Wunderlich:
Dann möchte ich die Aspekte der Nachhaltigkeit noch einmal ergänzen. Die Definition, die ich am Anfang gegeben habe, zielt auf ein bestimmtes Lebensgefühl ab. Es spielt aber noch weitaus mehr mit hinein. Früher oder später stößt man beim nachhaltigen Handeln auf drei Aspekte: den ökologischen, den sozialen und den ökonomischen. Nachhaltigkeit bedeutet nicht, dass man alles nur unter dem ökologischen Gesichtspunkt beurteilt. Wenn ich zum Beispiel beim Kaffeekauf nachhaltig handeln möchte, lande ich ganz schnell bei zertifizierten Bioprodukten, denn die garantieren einen ökologisch verträglichen Anbau des Produkts. Ich kann auch fair gehandelten Kaffee kaufen, damit die Menschen, die auf der Kaffeeplantage arbeiten, vernünftig entlohnt werden. Wenn die Menschen anständig bezahlt werden, ist der ökonomische Aspekt berücksichtigt. Damit gehen meistens auch bessere Sozialleistungen bzw. eine bessere Gesundheitsversorgung einher, womit wir die soziale Komponente im Blick hätten. Mit dem Kauf und der damit verbundenen Unterstützung von fair und ökologisch produziertem Kaffee kann ich bei jedem Kauf die Welt ein kleines bisschen nachhaltiger gestalten.

Aus welchen Gründen sind Kitas eine Zielgruppe im Bemühen um nachhaltige Entwicklung?

Meike Wunderlich: Der Mensch ist in seinen ersten Lebensjahren so unvoreingenommen und neugierig wie nie wieder. Beim Erschließen seiner Welt, lernt er enorm viel und entwickelt prägende Werte und Normen. Auf diese Erfahrungen wird er im späteren Leben immer wieder zurückgreifen. Nicht umsonst wurde auf dem Weltgipfel für nachhaltige Entwicklung 2002 in Johannesburg unter anderem das politische Ziel bekräftigt, die Bildung für nachhaltige Entwicklung in allen Bildungsbereichen von Anfang an zu fördern.

Jutta Diederich: Wir alle wissen ja, dass Kinder die Zukunft von morgen sind. Sie müssen ihr Leben und ihre Umwelt in ihrer Zukunft gestalten. Deshalb muss man ihnen von Anfang an Erfahrungen und Kenntnisse zur Verfügung stellen. Erwachsene sollten als Vorbildfunktion etwas vorleben, das den Kindern zeigt wie lebenswert es in ihrer Umwelt ist. Aber auch wie sie mit ihren Mitmenschen und mit ihren Ressourcen umgehen lernen. In den Kitas kommen Familien zusammen und es gibt die Möglichkeit, die Idee der nachhaltigen Entwicklung an die Familien weiterzugeben, sodass Kitas eine Multiplikatorenfunktion haben.

Claus Reichelt: Ich möchte ergänzen, dass es nicht nur um das Zeigen gehen kann. Denn der Vermittlungsprozess ist ein sehr entscheidender. Erfahrungen belegen, dass Menschen erst etwas wirklich verstanden haben, wenn sie es selbst erlebt und mitgestaltet haben. Es gibt ja unglaublich viele Umweltsendungen oder Bücher. Aber Wissensvermittlung kann nicht nur über den Kopf alleine geschehen. Jutta hat es eben schon gesagt: Pädagogik funktioniert zu 90 Prozent über Nachahmung. Kinder, die durch eigene Aktivität erfahren, was es bedeutet, einen Baum zu pflanzen und für ihn zu sorgen, sammeln wirklich Lebenserfahrung. Die Kita ist der Ort, an dem diese Erfahrungen gemacht werden können.

Wie wollt ihr Einrichtungen für die Idee der nachhaltigen Entwicklung gewinnen?

Meike Wunderlich: Die S.O.F. bietet diverse Materialien an, die in ein Bildungsprojekt mit einbezogen werden können. Das Grundprinzip ist ziemlich simpel, es geht eigentlich darum, gemeinsam mit den Kindern die Umwelt und ihre Zusammenhänge zu erforschen. Ein Beispiel: Das Wasser kommt aus dem Wasserhahn. Dann kann man mal gucken, wie das Wasser eigentlich in den Wasserhahn kommt. Also folge ich den Wasserleitungen in den Keller. Auf der Straße komme ich dann vielleicht an einem Siel vorbei. Das Wasser kommt also aus dem Boden. Aber wie kommt es in den Boden überhaupt rein?

Durch solche Projekte wird den Kindern automatisch klar, dass es früher oder später auf sie und die Pflanzen und Tiere zurückfällt, wenn sie den Boden oder das Wasser durch Chemikalien belasten, denn: Wasser ist Leben! Wenn Kindern die Zusammenhänge einleuchten, dann wird ihnen klar, dass ihr Tun und Handeln eine Auswirkung auf ihre Umwelt hat. Man kann ganz viele Ansätze im täglichen Leben finden und zusammen mit den Kindern zu einem Wirkungsgefühl ausbauen.

Um eben dies zu unterstützen, stellt die S.O.F. diverse Bildungsbaustelle zur Verfügung und bieten Fortbildungen an: Beispielsweise im Rahmen von KITA 21, unserem Unterstützungs- und Auszeichnungsverfahren für Kitas, die sich auf den Weg der nachhaltigen Entwicklung machen.

Gehen die Kinder dabei wirklich selbstständig auf Entdeckungstour?

Meike Wunderlich: Es hängt natürlich immer von der Bildungsarbeit ab, wie sie in den Einrichtungen stattfindet. In der Bildung für nachhaltige Entwicklung ist Partizipation ein ganz wichtiges Stichwort, denn durch Partizipation erfahren die Kinder, dass sie die Welt aktiv mitgestalten können. Es ist wichtig, dass die Kinder die Freiheit haben mitzureden, zum Beispiel bei der Frage„Womit wollen wir uns in den nächsten Wochen beschäftigen?“ Ich kann nur unterstützen, was Claus eben gesagt hat, die eigene Erfahrung und letztendlich die eigene Emotionalität, die man durch eigenes Erleben erfährt, brennen sich ein. Optimal ist es natürlich, wenn Kinder die Möglichkeit haben, sich selbst ihren Weg zu suchen.

Wie sieht dies der SOAL-QE-Referent?

Claus Reichelt: Wir haben eben davon gesprochen, dass die eigene Wertschätzung und die eigene Neugierde grundlegend ist. Es ist auch sehr wichtig, dass Menschen sich entlang ihrer Interessen entwickeln können und Raum dafür haben. Damit meine ich den inneren und äußeren Raum, der es einem ermöglicht, zu einer Persönlichkeit zu werden. Kindern diesen Raum zu gewähren, das ist das Ziel der Soal-Qualitätsentwicklung. Ein Bestandteil der QE ist die Reflexion der Bildung, die die Erzieherinnen und Erzieher erfahren haben.

Wenn es in unseren Fortbildungen um die Frage „Wo waren unsere Räume?“ geht, wird interessanterweise oft die Natur genannt, in der man unbehelligt von Erwachsenen spielen konnte. Offenbar brauchen Menschen also Raum, um das Leben erfahren zu können. Darauf zielt die QE ab: Die Erwachsenen geben über einen Prozess der Haltungsveränderung den Kindern Raum, damit diese ihre eigenen Interessen umsetzen und die Welt erkunden können.

Wie unterstützt die SOAL-Fachberaterin Nachhaltigkeit in der Kita?

Jutta Diederich: In den Gesprächen mit den Vorständen und den Leitungskräften spreche ich auch die pädagogischen Konzepte an, ich führe Qualitätseinschätzungen in Einrichtungen durch. Dabei werden mehrere Merkmale wie zum Beispiel die Ausstattung einer Kita untersucht. Es geht dabei um die Vielfalt von Materialien und darum, ob sie anregend genug sind. Beim Angebot für die Kinder schaue ich, ob sie beispielsweise in die Natur rausgehen und ob sie genügend Freiräume haben, die es ihnen ermöglicht, Erfahrungen zu machen. Oder ob sie interessante Materialien, zum Beispiel Mikroskope, benutzen können. Ich gebe außerdem Hinweise, wo sich die Erzieherinnen und Erzieher weiter informieren können.

Mit geht es auch sehr um den Aspekt der Partizipation, also darum, wie Kinder beteiligt werden. Oder den Umgang miteinander im Team. Wie steht es z. B. um die Partizipation von Mitarbeiterinnen? Sehr wesentlich ist auch der gesundheitsfördernde Aspekt. Dazu gehört eine gesunde Ernährung in den Einrichtungen sowie ein gesundheitsförderndes Umfeld, für Kinder und Mitarbeiterinnen.

Meike Wunderlich: Und wir spicken die Bildungsprojekte dann mit Materialien. Zum Beispiel gibt es Solarmotoren, die man auch auf Lego setzen kann. Die Kinder lieben die Rotoren und merken, dass sie sich unter der Lampe drehen. Wenn sie ihre Hand darüber halten, hören die Rotoren auf, sich zu bewegen. Das sind die ersten Erfahrungen mit Solarenergie. In unseren Mitmachaktionen spinnen wir die Idee noch ein bisschen weiter, zum Beispiel kann über Solarkolektoren auch Energie generiert werden, die dann auch aus der Steckdose kommt. Eigentlich kann nachhaltige Bildung in allen Bereichen des (Kita-) Alltags ansetzen.

Wenn wir die Erzieherinnen und Erzieher für dieses Thema gewinnen wollen, stoßen wir immer wieder auf das Argument, dass eine Fortbildung oder das Erarbeiten neuer Inhalte so viel Arbeit mit sich bringen. Was sagt ihr dazu?


Claus Reichelt: Wenn dieser Prozess additiv gesehen wird, nach dem Motto "wir nehmen jetzt noch ein bisschen Nachhaltigkeit dazu", dann haben die Menschen nicht verstanden, worum es eigentlich geht. In dem Augenblick, in dem diese Haltung Teil meines Selbst wird, ist es überhaupt kein Mehraufwand mehr, egal, ob ich jetzt gerade zur Tür hinaus will oder mein Taschentuch nehme, ob ich koche oder mit meinen Kindern in den Wald gehe. Ich lebe einfach nachhaltig, weil ich nachhaltig lebe. In der SOALQE sprechen wir von einem permanenten Prozess. Wenn neue Erfahrungen, die zunächst - ohne Frage - Mehraufwand bedeuten, einmal integriert sind, wird dies nicht mehr als zusätzliche Belastung sondern als Selbstverständlichkeit wahrgenommen. Es ist natürlich ein Prozess, über das additive Denken hinauszukommen.

Jutta Diederich: Es bedeutet bestimmt erst einmal einen Mehraufwand, sich mit einem neuen Thema auseinanderzusetzen. Die Teilnehmer müssen, wenn sie sich beispielsweise am Projekt KITA21 beteiligen, die Grundlagenworkshops besuchen und die Projektworkshops. Denn das Ganze zielt darauf ab, den Leitgedanken der Bildung für nachhaltige Entwicklung in das Konzept zu übernehmen. Dabei entstehen Diskussionsprozesse, im Team und mit den Eltern, die auch einen zeitlichen Rahmen benötigen. Nur wenn alle Teilnehmenden das Bewusstsein dafür haben, dass es wichtig und existenziell ist für unsere Zukunft, dass wir alle unser Verhalten ändern müssen und ein Umdenken stattfinden muss, dann sieht man dies nicht länger als Belastung an.

Vielen Dank für das Gespräch!

Für weitere Infos: 

http://www.kinder-tun-was.de

Informationen zu KITA21:
 

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