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Offener Brief (10.09.2010)

Wünsche an den neuen Bürgermeister

Sehr geehrter Herr Ahlhaus,
 
zunächst wünschen wir Ihnen alles Gute für die bevorstehenden Aufgaben als erster Bürgermeister. Als Dachverband mit über 170 Einrichtungen liegen  uns besonders die Bildungsanliegen für Kinder und Familien in dieser Stadt am Herzen. Wir würden uns sehr freuen, wenn diese einen besonderen Schwerpunkt in Ihrer Arbeit erfahren würden.
Die „wachsende Stadt“ Hamburg ist auch eine Stadt der wachsenden Kinderarmut. Rund 55 000 Kinder der Hansestadt unter 15 Jahren beziehen Hartz-IV-Leistungen, insgesamt sind es 262 144 Kinder und Jugendliche. Bundesweit sind 1,93 Millionen Mädchen und Jungen von Armut betroffen, das sind 17 Prozent aller Kinder. Hamburg erzielt dabei einen traurigen Spitzenplatz von 25 Prozent! Die Hartz-IV-Leistungen sehen vor, dass Minderjährige mit einem Betrag von 208 Euro monatlich auskommen müssen. Für Ernährung ist ein Satz von 2,28 Euro pro Tag vorgesehen. Dabei haben Wissenschaftler Anfang des Monats festgestellt, dass ein 15-Jähriger für eine gesunde Ernährung pro Tag mindestens 4,68 Euro benötigt. Wir wünschen uns von Ihnen, dass Sie sich verstärkt der Lebenssituation der Kinder und sozial schwacher Familien annehmen, anstatt jede Menge Geld in Prestigeprojekten zu versenken.
Bildung mit Weitsicht braucht ein anderes Verständnis vom Leben und Aufwachsen der Kinder in einer Stadt, die,  angesichts der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Herausforderungen an eine internationale Drehscheibe wie Hamburg eine ist, Fachmenschen dringend braucht, um in Zukunft weiter zu bestehen. Bildung mit Weitsicht braucht daher auch ein Verständnis, das Kindertagesstätten als wichtige Bildungsorte anerkennt. Die auf der politischen Ebene und in den Kitas stattfindenden Entscheidungen und Prozesse haben auch etwas mit Kultur zu tun. Von Sparmaßnahmen betroffene Eltern, die immer höhere Kitabeiträge oder Essensgelder zahlen und gleichzeitig die Streichung niedrigschwelliger Angebote wie Elternschulen oder Elternberatungen hinnehmen müssen, fühlen sich zu recht weniger wertgeschätzt im Bundesland Hamburg. Ihre Anliegen und Bedürfnisse sind offenbar nicht wichtig genug, um sie zu unterstützen. Dies hat Auswirkungen auf das Gesellschaftsverständnis und sogar auf die familiären und kindbezogenen Bildungsprozesse. Eine Bildung mit Weitsicht bezieht auch die kulturelle Dimension für Kinder, Eltern und Familien mit ein.
Wir wünschen uns sehr, dass Sie die wichtigsten bildungs- und sozialpolitischen Notwendigkeiten umsetzen. Dazu zählen:

• Kinderbetreuung und Schule in einem bildungspolitischem Zusammenhang zu sehen, die sich gegenseitig beeinflussen.

• Kindertagesstätten als Bildungseinrichtungen anzuerkennen, insbesondere in sozialen Brennpunkten. Besondere Konzepte benötigen Ressourcen für die Arbeit mit Eltern und Kindern sowie eine verbesserte Ausstattung dieser Kitas.

• eine Verbesserung der Sprachförderung

• eine Verbesserung der Standards für eine Weiterentwicklung der Kindertagesbetreuung insbesondere die mittelbare pädagogische Arbeit und Standards im Krippenbereich

•die Beschäftigung von akademisch qualifiziertem Erziehungspersonal

• eine umgehende Entwicklung von qualifizierten Personalressourcen mit Blick auf das Krippenausbauprogramm.

• ein Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz für Kinder ab 2 Jahre.

• die Rücknahme der Begrenzung des Betreuungsalters. Kinder sollten bis zum 14. Lebensjahr als nur bis zum 12. Lebensjahr Anspruch auf Betreuung haben.

 Rücknahme der Erhöhungen der Eltern- und Essensbeiträge insbesondere für Kinder mit   Frühförderbedarf.

• Einbeziehung der Kinder mit Frühförderbedarf ab dem ersten Lebensjahr in die Kita- Betreuung.

• zukunftsorientierte Finanzierung des Qualitätsentwicklungs- und Fortbildungsbedarfs in den Kitas.

• Entbürokratisierung der Gutscheinvergabe für alle Betroffenen.

  Qualifizierte und finanziell abgesicherte Fortbildungsmöglichkeiten für Hartz IV-Empfänger
 
Sehr geehrter Herr Ahlhaus: Wir wünschen uns einen Bürgermeister, der eine Gesprächs- und ArbeitsKULTUR pflegt, in der die Betroffenen einbezogen, gehört und ernst genommen werden: Eine BILDUNG MIT WEITSICHT braucht das Fachwissen aller Beteiligten, um die zukünftigen bildungspolitischen und damit auch finanziellen Anforderungen an die Bildung gemeinsam qualifiziert voranzubringen. Das betrifft sowohl die Kinder, Jugendlichen und junge Erwachsene als auch die Familien und vor allem jene Mitbürger, die finanzielle Einschränkungen erleben.
 

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