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Pfefferminzkamp (15.12.2010)

Pfefferminzkamp

Das Kinderhaus Pfefferminzkamp

Heutzutage sind alle immer total überlastet, doch im Kinderhaus Pfefferminzkamp helfen alle Eltern mit. Und wenn ihre Kinder in die Schule kommen, würden sie am liebsten bleiben. Eine Geschichte über ein großartiges Wir-Gefühl im Kinderhaus Pfefferminzkamp.
Am Ende einer Straße in einem Poppenbütteler Neubaugebiet unweit des Alstertal-Einkaufszentrums liegt, fast ein wenig versteckt, das Kinderhaus Pfefferminzkamp. Auch Nelly Konetzny, Mutter zweier Söhne, hatte den Kindergarten vor vielen Jahren eher zufällig bei einem Spaziergang mit ihrem älteren Sohn entdeckt. Es war ein Nachmittag, an dem im Kinderhaus das alljährliche Übernachten der Vorschulkinder stattfand. Die Kinder tobten auf dem Gelände und Konetznys damals kleiner Sohn verschwand augenblicklich in der Menge. In diesem Moment entschied er sich dafür, dass dies sein Kindergarten werden solle.

Damit handelte sich Nelly Konetzny nicht nur einen Kita-Platz für ihr Kind ein, sondern auch eine nunmehr siebenjährige Tätigkeit als Vorstandsmitglied. Das Kinderhaus Pfefferminzkamp wird nämlich als Elterninitiative geführt, bei der alle mit anpacken. „Die Eltern bilden den gesamten Vorstand, sie übernehmen die Verwaltung und machen auch die Kita-Gutscheinabrechnungen“, erläutert Konetzny. Christian Wagner-Kressner, der seit 1992 als Erzieher im Kinderhaus arbeitet, ergänzt: „Es gibt größere und kleinere Aufgaben: Ein Elternteil ist verantwortlich für die Putz- und Kochliste und überblickt, wer gerade Dienst hat. Andere Eltern sind für das Waschen der Wäsche zuständig, für den Einkauf des Obstes, die Gartenpflege und das Marketing. Sie beteiligen sich im Bauausschuss, planen Feste oder verwalten einfach die Schlüssel.“ Christian Wagner-Kressner, den alle im Kinderhaus nur „Chrischi“ nennen, lehnt sich entspannt zurück. Es sei aber auch okay, wenn einige Eltern auch mal keine Aufgabe haben und sich insbesondere als Kindergartenanfänger erst einmal in den Kindergartenalltag einleben, versichert er.
Eine Elterninitiative ist das Kinderhaus Pfefferminzkamp schon seit seiner Gründung vor vierzig Jahren. Damals kehrte die Journalistin Dagmar von Schweinitz tief beeindruckt von einem Besuch im englischen antiautoritären Internat Summerhill zurück, wo sie viele Gespräche mit dem Gründer Alexander S. Neill geführt hatte. Sie beschloss, auch für ihren vierjährigen Sohn David solch einen Ort zu schaffen, bis ihr Sohn alt genug für das Summerhill-Internat war, und setzte eine Anzeige in das Hamburger Abendblatt, mit der sie nach Gleichgesinnten suchte. Weltanschauliche Aspekte waren der Gründerin suspekt. Ihr ging es vielmehr darum, dass Kinder frei und selbstbestimmt aufwachsen konnten. Sie sollten einen Platz haben, wo sie sich Höhlen und Hütten aus Gerümpel bauen, alte Radios zerlegen, sich verkleiden, Krach machen und sich schmutzig machen durften.
Zehn Tage später trafen sich zwanzig Eltern mit Dagmar v. Schweinitz, um das Konzept eines unkonventionellen Kindergartens zu entwerfen. Am 18. August 1970 wurde der „Verein freier Kindertagesstätten e. V.“ gegründet. Es wurde abgemacht, dass pro Woche ein verpflichtender Elternabend stattfinden sollte und alle vierzehn Tage eine Vollversammlung. Die Auswahl der Kinder erfolgte an den Elternabenden. Interessierte Eltern stellten sich dort vor, nachdem sie das Tagesgeschehen im Kinderhaus bei einem Besuch erlebt hatten. Gemeinsam wurde dann überlegt, ob das Kind und seine Eltern(!) in die Gruppe passen würden. Auch die pädagogische Ausrichtung der Eltern spielte hierbei eine Rolle. Über die Aufnahme wurde dann in großer Runde abgestimmt.
Wenn sich heute Eltern mit ihren Kindern vorstellen, gibt es nur wenige Auswahlkriterien: In erster Linie geht es um das Alter und das Geschlecht der Kinder. Deren Aufnahme ist heute Sache des Erzieherteams, das neben Christian Wagner-Kressner auch aus der Erzieherin Micky Fuchs besteht und das von der Vorschullehrerin Heike Götz unterstützt wird. „Wenn wir die Wahl haben, dann entscheiden wir uns für die Leute, von denen wir annehmen, dass sie im Kinderhaus mithelfen“, sagt Wagner-Kressner. „Aber ehrlich gesagt, habe ich in den letzten Jahren oft danebengelegen. Da gibt es das Kind mit der alleinerziehenden Mutter, das prima in die Gruppe passt. Und ich nehme an, dass die Mutter mit ihrem Job und ihrem Kind völlig ausgelastet ist und nicht viel für das Kinderhaus beitragen kann. Doch dann ist genau diese Mutter einfach immer dabei und hilft, wo sie kann.“  
Nelly Konetzny lacht und berichtet, dass sich Christian Wagner-Kressner vermutlich auch bei ihr nicht ganz sicher war, ob sie sich für das Kinderhaus einsetzen würde (Wagner-Kressner schmunzelt und schweigt dazu). Die Elternmitarbeit spielt für sie eine große Rolle. „Bei einer Elterninitiative brauchen wir diese Unterstützung und wir wollen sie auch. Von der Gesamtidee und Struktur ist es ja auch so geplant, dass wir wirklich alles gemeinsam machen, dass wir, kurz gesagt, den ganzen Laden schmeißen. Nur aus dem pädagogischen Bereich haben wir uns zurückgezogen, den überlassen wir den Erziehern.“
Lisa Krolak ist eine Mutter, die aus Anlass des vierzigjährigen Jubiläums irgendwann zwischen Job, Kindern und Haushalt die Geschichte des Kinderhauses recherchiert und aufgeschrieben hat. Ihre kleinere Tochter geht noch nicht in das Kinderhaus, sondern besucht eine Krippeneinrichtung. Lisa Krolak zieht einen Vergleich: „Es gibt in dieser anderen Einrichtung, die ansonsten sehr gut ist, nur wenig Kontakt zwischen den Eltern und es entstehen, im Gegensatz zum Kinderhaus, kaum Freundschaften. Man sieht sich seltener und muss sich auch nur selten sehen. Weil man nicht zusammen putzt, gärtnert und sich nicht bei monatlich stattfindenden Elternabenden sieht, entsteht auch nichts Engeres.“
Nicht selten würden auf diesen Elternabenden auch Tränen gelacht werden, wirft Nelly Konetzny ein, und dann berichtet sie von der guten Stimmung zwischen den Eltern und den Erziehern. Zum Beispiel die Elterngespräche seien sehr angenehm, weil sie in gegenseitiger Wertschätzung stattfinden und gut und gern schon mal zwei Stunden dauern können. So etwas hätte sie in der Schule ihres Sohnes jedenfalls noch nicht erlebt.
Besonders beeindruckt ist Nelly Konetzny aber davon, wie alle Eltern mitgeholfen haben, das große Jubiläumsfest im Herbst zu organisieren. „Am Anfang gibt es diese Angst, wie kriegen wir bloß alles hin? Können wir auf alle zählen? Und dann, im Nachhinein, haben wir dieses tolle Gefühl, das alle Leute im Kinderhaus zusammengerückt sind. Als Not am Mann war, wusste jeder automatisch, was er tun sollte. Das habe ich als eine ganz großartige Geschichte, als den „Spirit“ des Kinderhauses wahrgenommen.“ Kein Wunder, dass sich oftmals Eltern, die engagiert mitarbeiten, mit dem Abschied vom Kinderhaus schwerer tun als ihre Kinder. „Für die Kinder fängt etwas Neues an, aber den Eltern fehlt plötzlich etwas.“  
Auf meine Frage, wie Eltern und Kinder den Abschied vom Kinderhaus denn nun bewältigen können, gibt Christian Wagner-Kressner grinsend zur Antwort: „Gar nicht.“ Schließlich sei ein endgültiger Abschied auch überhaupt nicht nötig, denn alle Eltern und Kinder, ehemalige wie aktive, treffen sich zu Festen und zum alljährlichen Zelten am Plöner See. Dort gibt es dann Lagerfeuerromantik pur, gemeinsames Lachen und Heulen und außerdem viel Sport, Spaß und Spiel. In diesem Jahr waren fast fünfzig Familien dabei und genossen es, dabei zu sein. Und dazuzugehören, zum Kinderhaus Pfefferminzkamp. 

Maren v. Klitzing

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