Remida (09.07.2009)
Remida in Hamburg – Interview mit Susanne Günsch
„Die ganze Welt ist voll von Sachen und es ist wirklich nötig, dass man sie findet“ – Pippi Langstrumpf
Interview mit Susanne Günsch, die in Altona die erste Hamburger Remida führt. Die Idee zu einem „Laden“ voller interessanter Dinge stammt aus Reggio/Italien, wo die Reggio-Pädagogik erfunden und gelebt wird. Gegen eine geringe Jahresgebühr können sich Einrichtungen so oft sie mögen Materialien aussuchen und mitnehmen. Es handelt sich dabei weder um herkömmliche Bastelmaterialien, noch um fertiges Spielzeug. Vielmehr sind hier alle möglichen und unmöglichen Abfallprodukte aus Betrieben zu finden, die mit etwas Fantasie zu neuem Leben erweckt und kreativ weiterverwendet werden können.
Soal: Wie und wo hat Ihre Begeisterung für die Remida angefangen?
Susanne Günsch: Eigentlich hat es schon in meiner Kindheit angefangen, als ich am Werktisch meines Vaters, der Uhrmacher war, gesessen und die Restekiste aufgezogen habe. Ich habe immer geguckt was da drin ist und was davon Spaß machen könnte. Ohne diese Erfahrung hätte ich die Faszination für dieses Projekt wohl nicht entwickeln können.
Und wie ist aus der Faszination die Remida entstanden?
Vor einigen Jahren kam eine Freundin aus Reggio wieder und erzählte mir von der Remida, die Bestandteil der Reggio-Pädagogik ist. Ich habe sofort gedacht: Das ist Restekiste in groß! – und war fasziniert. Die Idee hat mich nicht mehr losgelassen und so habe ich 2005 einen Verein gegründet, um erstmal eine Plattform zu haben und Leute zusammenzutrommeln. Auf der Altonale vor drei Jahren hatten wir einen Stand und präsentierten diese Idee, natürlich hatten wir auch Materialien ausgestellt. Tja, und dann kommt eine Hausverwalterin an unseren Stand und findet die Idee klasse. Sie sieht auf das Plakat, auf dem wir aufgeschrieben hatten, was wir zur Realisierung brauchen und sagt: „Einen Laden? Den habe ich!“ Das war natürlich eine glückliche Fügung, denn wir konnten sofort in diesen Raum einziehen.
In einen Laden, der nicht gerade klein ist ...
denn die erste Remida in Reggio ist auf 50 qm gestartet und das hier sind 170 qm. Wir haben hier sogar noch ein bisschen Luft und könnten noch ein paar Regale aufstellen.
Besteht eigentlich auch das Inventar aus Fundstücken?
Ganz genau! Für wirklich alles, was hier in der Remida steht, haben wir nicht einen müden Cent bezahlt. Denn die Idee, vorhandene Ressourcen zu nutzen, sollte auch bei der Realisierung Programm sein. Wenn sich irgendwo ein Laden aufgelöst hat, habe ich nach den Möbelstücken gefragt. Diese Rondeels zum Beispiel waren mal Vorrichtungen für Hängeregistraturen. Ich habe sie nur anders herum aufgestellt, damit ich Tabletts für Materialen habe.
Ich finde, dass es echt coole Möbelstücke sind!
Sie sind absolut großartig! Und durch diese Kugellager für die Ewigkeit.
Was liegt denn da drauf? Sind das etwa Brillengläser?
Ja, ich hatte ganz viele davon, weil in Altona zwei Optiker zugemacht haben und sie mir die farbigen Sonnenbrillengläser und die Sortimentskästen vermacht haben. Das meiste ist inzwischen weg.
Oh, hier sind lauter alte Dias!
Sie stammen teilweise aus Privatbeständen. Etliche zeigen aussortierte Motive. Es ist beeindruckend, dass Erzieherinnen oder sonstige Kulturschaffende die Dias der Rähmchen wegen mitnehmen. Kinder entdecken hingegen, dass darin Motive sind. Und dann geht’s los: Sie legen die Dias auf den Projektor und sofort beginnt irgendeine Geschichte. Die Herangehensweisen von Kindern und Erwachsenen sind oft völlig unterschiedlich.
Worin besteht denn der Unterschied?
Ich glaube, dass wir Erwachsene sehr funktional sind. Kinder sind da viel unbefangener, sie greifen hin und sind erstmal neugierig. Nehmen wir das Paradebeispiel Schrauben. Eine alte Schraube ist für Erwachsene eben eine alte Schraube. Neulich war ein Junge aus einer Kindergruppe hier, der sich so eine fette Schraube geschnappt hatte und dann rief: „Guck mal, ein Schornstein!“ Kinder stellen sich viel unmittelbarer vor, was es sein könnte.
Von wem bekommen Sie hauptsächlich Besuch?
Von Erzieherinnen und Erziehern aus Kitas, auch LehrerInnen aus Schulen und Künstler, die Kulturprojekte machen – wahlweise mit oder ohne Kinder. Vorhin war eine Erzieherin mit fünf Kindern hier. Jedes Kind hatte eine kleine Tüte, das ist ihr Kontingent. Die Erzieherinnen bringen dann noch eine große Tasche oder den Hackenporsche mit für Dinge, die sie für das Atelier gebrauchen können. Den Kindern ist es wichtig, selbst etwas einzupacken, das sie selbst interessiert. Auch wenn das dann im Kindergarten bleibt.
Wie kommen Sie eigentlich zu Ihrem Material?
Ganz oft radele ich im Stadtteil herum und halte Ausschau nach irgendwelchen Betrieben. Wenn irgendwo ein Container steht, dann gucke ich da rein. Und ich male mir aus, welche Firmen etwas haben könnten. Bei kleineren und mittelständigen Firmen, hat es sich bewährt, direkt auf den Hof zu fahren, guten Tag zu sagen, Remida vorzustellen, Flyer zu verteilen und denen zu erzählen, worum geht es. Die erste Reaktion ist häufig: „Das geht doch gar nicht, das ist doch viel zu gefährlich, was wollen Sie denn damit, das ist doch nur Schnipselkram!“ Immer wenn ich das Wort „Schnipselkram“ höre, kriege ich leuchtende Augen! Weil unter „Schnipselkram“ ja auch Konfetti und irgend so ein kleiner Kruschkram fällt. Es sind einfach tolle Sachen, die man ergattert. Das sind dann so diese Glücksmomente!
Remida - das kreative Recycling Centro:
Am Born 19
22765 Hamburg
Tel: 0176-510 45 798
e-Mail: remida@gmx.net
Öffnungszeiten:
Montags & Dienstags 14.00 - 17 Uhr; Donnerstags & Freitags 10.00 - 14 Uhr und nach tel. Vereinbarung.
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