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Waldkinder (19.09.2011)

Waldkinder

„Natur ist genauso ein Teil des Selbst, wie das Selbst ein Teil der Natur ist. Das heißt, Natur ist für uns Menschen nicht nur bedeutsam, weil wir selbst ein Teil der Natur sind, sondern auch, weil unsere Beziehung zur natürlichen Umgebung einen Teil unseres Selbst ausmacht.“ Gerd Schäfer, 1989

Die Waldkinder im Berner Gutspark

„Habt ihr alle eure Rucksäcke auf und die Isomatten dabei?“ Ein letztes Mal versichern sich die Erzieherinnen Sylke Greß und Hanna Freyer, dass alle Kinder ihrer Waldkindergruppe startklar sind. Dann zieht der kleine Trupp von seinem Treffpunkt, dem Bauspielplatz Berne, auch schon los.
Wie immer geht es zu einem Plätzchen mitten im bewaldeten Berner Gutspark, der so etwas wie das Zuhause der zweiundzwanzig Waldkinder ist. Die Kinder und die Erzieherinnen verbringen jeden Tag hier draußen, ganz egal, ob es warm ist oder kühl, ob die Sonne scheint, ein kräftiger Wind bläst oder Schnee vom Himmel fällt. Nur bei Sturm und Unwetter ziehen sich die Waldkinder in das Holzhaus auf dem Gelände des Bauspielplatzes zurück. Das tägliche Draußensein gehört zum Konzept der Waldkindergärten, das die Dänin Ella Flatau bereits 1954 erfand. Sie verbrachte den Tag regelmäßig mit ihren und den Nachbarskindern im Wald und fand dabei heraus, dass die Natur optimale Bedingungen für die kindliche Entwicklung bot.

Der erste staatlich anerkannte deutsche Waldkindergarten entstand 1993 in Flensburg und löste eine Gründungswelle in Deutschland aus, die noch nicht abgeschlossen zu sein scheint. SOAL zählt mittlerweile drei Waldkindergärten sowie einige Kitas mit Waldgruppen zu seinen Mitgliedseinrichtungen. Die Waldkinder im Stadtteil Berne im Nordosten Hamburgs gehören dazu.

Sylke Greß, die den Waldkindergarten seit März 2011 leitet, trägt einen schweren Rucksack und zieht auch noch einen „Waldwagen“ hinter sich her. Darin befindet sich Material für den Tag im Wald, sowie ein Erste-Hilfe-Koffer und eine kleine Klobrille*. Auf dem Waldstück, das die Kinder heute ausgewählt haben, waren bis vor kurzem noch die Waldarbeiter mit Baumfällarbeiten beschäftigt. Nun liegen die Stämme am Boden, ihre Rinde ist an einigen Stellen weich und bröselig und der Boden von reichlich Sägespäne bedeckt. Das ist prima zum Spielen, finden Kira, Carla und Rosa, und sie fangen sofort damit an, die weiche Rinde mit den Händen zu zerbröseln. Dabei erhalten sie den so genannte „Käse“. Neben zerriebenen Lärchennadeln und Blättern wird dieser „Käse“ als Zutat für das Kochen gebraucht. „Käse“ ist aber auch als eine Art Brennstoff für „Maschinen“ begehrt, wie zum Beispiel für den Laubsauger. Mit einem solchen Laubsauger, der aus einem langen Ast besteht, rennt Matthis kreuz und quer umher. Laub zum Aufsaugen gibt es ja genug.

Nora balanciert auf einem dicken Baumstamm. Und weil es so einfach war, probiert sie es als nächstes auf einem schmaleren, kippeligeren Exemplar. „Der Wald bietet ganz andere körperliche Herausforderungen als ein Spielplatz“, sagt Sylke Greß. „Die Kinder beherrschen die genormten Spielgeräte auf den Spielplätzen schon nach kurzer Zeit, aber im Wald entdecken sie immer wieder Neues und schulen dabei ganz nebenbei ihre Geschicklichkeit, ihren Gleichgewichtssinn oder auch ihre kognitiven Fähigkeiten.“ Die Waldkinder bewegen sich wie selbstverständlich in der freien Natur und kennen keine Berührungsängste mit kleinen Krabbeltieren. Linnea sammelt behutsam eine Raupe auf und zeigt sie den anderen auf der flachen Hand. Sie könnte bald zu den Ausnahmeerscheinung unter den Kindern zählen, wenn man der aktuellen Entwicklung glaubt.
 
Wie kürzlich in der Süddeutschen Zeitung zu lesen war, stellen Umweltpädagogen immer häufiger fest, dass Kinder zwar über die Folgen des Klimawandels referieren können, sich aber vor Käfern fürchten und sich im Grünen bewegen als wären sie im Museum. Etwa auf Bäume zu klettern, halten die meisten Kinder für verboten. Und außerdem fürchten sich viele Eltern davor, dass ihre Kinder beim Spielen in „unkontrollierter Umgebung“ - also in der Natur - Unfälle erleiden könnten. Was daraus erfolgt, ist in den USA zu besichtigen. Dort werden mancherorts auf den Spielplätzen die Rutschen und Schaukeln abmontiert. Sie gelten als zu gefährlich.

Sylke Greß, die vor vielen Jahren in einem Regelkindergarten gearbeitet hat, ist Waldpädagogin aus tiefster Überzeugung. „Ich glaube, dass es nichts Besseres gibt, als in der Natur groß zu werden“, sagt sie. „Die Kinder können beim Spielen ohne viele Hilfsmittel ihrer Fantasie freien Lauf lassen. Sie genießen die Stille des Waldes und sie haben so viel Platz, dass sie kaum Rücksicht nehmen müssen. Das ist heute sehr selten geworden.“

Ist es für die Waldkinder aber auch noch im Winter draußen schön, wenn einem Feuchtigkeit und Kälte unter die Haut kriechen? „Ja, natürlich“, sagt Sylke Greß. „Aber wir spielen dann anders, machen mehr Bewegungsspiele. Die Kinder lernen dabei, dass es ihnen warm wird, wenn sie sich mehr bewegen. Einige Dinge, wie das Schnitzen, fallen dann weg, denn das ist zu gefährlich, wenn die Finger kalt sind. Beim Sägen dagegen wird es einem warm.“

Das Schnitzen und Sägen findet meistens nach dem gemeinsamen Frühstück statt, bei dem die Kinder ihre mitgebrachten Brote futtern. An diesem Tag breitet Erzieherin Hanna Freyer den Inhalt einer Werkzeugkiste auf einer Plane (Werkbank) aus. Schnitzmesser, Feilen und Sägen dürfen von den Kindern benutzt werden. Allerdings erst, nachdem sie gelernt haben damit umzugehen und die entsprechende Führerscheinprüfung bestanden haben. Jacob zieht sich ganz selbstverständlich einen Schutzhandschuh über, bevor er mit dem Schnitzmesser loslegt.

An einer anderen Stelle im Wald packt Sylke Greß die Materialien für das aktuelle Projekt aus, das sie im „Waldwagen“ mitgebracht hat. Es dreht sich alles um den „Löwenzahn“. In der Schreibwerkstatt dürfen sich Laurin und Anna einen Buchstaben aus diesem Wort aussuchen, den sie näher kennenlernen möchten. Sie schneiden ein „H“ aus und kleben es auf Pappe. Das wird nun mit kleinen Blättern oder Zweiglein verziert. Sylke Greß macht diese Angebote, um den Kindern entgegenzukommen, die ein großes Interesse an Zahlen und Buchstaben haben. „Die Kinder wissen, dass der nächste Schritt die Schule ist“, erzählt sie. „Oft zeigen sie mir im Wald Zweige, die wie eine Zahl oder ein Buchstabe geformt sind.“ In ihrem Rucksack haben die Waldkinder auch immer einen kleinen Block und einen Stift dabei, den sie zum Spielen benutzen können, etwa wenn sie einen Laden bauen und für den Einkauf eine Einkaufsliste schreiben.

Jede Erzieherin des vierköpfigen Teams hat sich auf einem Spezialgebiet weitergebildet und bringt ihr Wissen in den Waldkitaalltag ein. Erzieherin Hanna macht mit den Kindern oft eine Schreibwerkstatt - mitten im Wald. Miriam, die an zwei Tagen die Waldkinder begleitet, ist Spezialistin für Seilkonstruktionen und lässt zwischen Baumstämmen Balancierseile entstehen oder Schaukeln. Kollegin Jutta, die ebenfalls an zwei Tagen dabei ist, kennt sich bestens mit dem Bodenleben im Wald aus. Sie weiß die Namen all der Krabbeltiere und Käfer und bohrt manchmal mit einem Riesenbohrer (den man sich im Umweltzentrum Karlshöhe kostenlos ausleihen kann) ein fast zwei Meter langes Erdloch und befördert mit dem Bohrer das geheime Bodenleben zutage. Und Sylke Greß beschäftigt sich gemeinsam mit den Kindern am liebsten mit naturwissenschaftlichen Fragen. Ihre Zusatzausbildung zur „Fachkraft für naturwissenschaftliche Frühförderung“ gibt ihr das naturwissenschaftliche Know- How, um eine qualifizierte Lernbegleiterin für die kleinen Forscher zu sein.

Durch die Kombination von ausgiebigem Freispiel und den Angeboten geht der Vormittag im Wald schnell vorbei. Mittags – die Kinder werden täglich bis zu 6 Stunden betreut – kehrt die Waldkindergruppe zurück in das Holzhaus auf dem Bauspielplatz, wo es ein warmes Mittagessen gibt und der Tag oft mit einer Geschichte ausklingt. Und am nächsten Morgen sind sie alle wieder da, um neue Abenteuer, Spiel und Spaß im Wald zu erleben.

Infos und Kontakt:
"Die Waldkinder Hamburg" gGmbH
Sylke Greß
Krautgraben 21
22159 Hamburg
Tel.: 040 - 644 41 90
Mobil: 0176 - 24 85 17 74
Email: sg at waldkinder-hamburg dot de
Internet: www.waldkinder-hamburg.de  

*Das praktische Waldklo funktioniert so: In die Klobrille wird ein Plastikbeutel gehängt, der alles auffängt. Gut verschlossen wird der Plastikbeutel anschließend im Müll entsorgt. 
 
Foto: Michael Horn  / pixelio.de
Text: Maren v. Klitzing

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