Infos und Downloads zu Soal KIT und Soal Kalk.
mehr »
|
|
Suche: |
Sie sind hier: News-Einzelansicht »
Wunderkabinett (22.12.2011)![]() „Sie hinterfragen alles …“ Interview mit Hilke Larsen und Karsten Wächter, Leiter der Kita Wunderkabinett, über hochbegabte Kleinkinder Hilke Larsen und Karsten Wächter leiten seit zwei Jahren die Kita Wunderkabinett in Hamburg-Hamm. Die beiden ausgebildeten Erzieher haben zuvor als Kollegen in der Kita Rotznasen e. V. in Altona gearbeitet. In der eigenen Kita widmen sie sich besonders der inklusiven Förderung von hochbegabten Kleinkindern. Um diesem Schwerpunkt gerecht zu werden, hat Hilke Larsen eine dreisemestrige Weiterbildung zur Begabtenpädagogin an der Karg-Stiftung absolviert. Karsten Wächter bildet sich im Institut für das hochbegabte Vorschulkind in Bonn weiter. Die Kita Wunderkabinett ist eine der ersten Kindertageseinrichtung in Hamburg mit dieser besonderen Ausrichtung. Im Interview berichten Hilke Larsen und Karsten Wächter über die Besonderheiten hochbegabter Kinder und die pädagogische Arbeit mit ihnen.
SOAL: Wie viele hochbegabte Kinder betreut ihr in der Kita Wunderkabinett?
Hilke Larsen: Meinst du Kinder, die offiziell als hochbegabt gelten, weil bei ihnen ein Intelligenztest durchgeführt wurde oder meinst du diejenigen, bei denen wir die Hochbegabung vermuten?Beide!
Karsten Wächter: Wir haben ein Kind mit festgestellter Hochbegabung, zwei Kinder, bei denen wir diese vermuten, die aber noch sehr klein sind und deshalb bisher keinen Test gemacht haben. Dann gibt es ein Mädchen, das einen hochbegabten Bruder hat, und es vermutlich ebenfalls ist. Bei einem weiteren Jungen haben wir die starke Vermutung, dass er hochbegabt ist. Um also deine Frage zu beantworten: Wir haben vermutlich fünf Kinder mit Hochbegabung in unserer Kita.*
Wie wichtig ist es, eine Hochbegabung durch einen Intelligenztest absichern zu lassen?
Hilke Larsen: Wir sagen den Eltern immer, wenn ihr keine Probleme habt, dann müsst ihr die Hochbegabung auch nicht testen lassen. Manchmal wollen Eltern aber eine offizielle Bestätigung, weil dann vieles einfacher für sie und ihr Kind wird, Gespräche mit LehrerInnen oder ErzieherInnen beispielsweise. Ein Test kann sich auch als vorteilhaft erweisen, wenn man sein hochbegabtes Kind bei bestimmten Kursen anmeldet. Viele Angebote, wie etwa die Kinderuni, sind erst für Kinder ab dem 8. Lebensjahr gedacht. Wer belegen kann, dass bei seinem Kind eine Hochbegabung vorliegt, dem öffnen sich schon eher die Türen.
Woran erkennt man, ob ein Kind hochbegabt ist?
Karsten Wächter: Sprache ist ein wichtiges Indiz. Hochbegabte Kinder bilden schon früh ganze Sätze und verfügen über einen großen Wortschatz. Sie haben auch die Fähigkeit, bestimmte Logikketten zu denken. Ein Beispiel: Das zweijährige Kind spielt zuhause mit Putzmitteln, was dem Elternteil nicht besonders gut gefällt. Darauf angesprochen, sagt das Kind: „Hättest du das Putzmittel oben in den Schrank gestellt, wäre ich nicht dran gekommen, und dann hätte ich auch nicht damit gespielt.“ Solch eine Begründung ist sehr ungewöhnlich für Zweijährige. Eine weitere Geschichte fällt mir zu einem Mädchen ein, das in unserer Gruppe war. An einem schönen warmen Tag wollen wir mit der Gruppe in den Park gehen. Aber das Mädchen zieht sich Gummistiefel an. Als ich sie nach dem Grund frage, sagt sie: „Gestern hat es geregnet und im Park sind Pfützen. Und deswegen ziehe ich heute Gummistiefel an.“Hilke Larsen: Typisch für hochbegabte Kinder sind diese unendlich vielen Fragen, besonders die nach dem Warum. Natürlich kannst du zurückfragen, welche Erklärungen das Kind selbst sich denken würde. Aber diese Antwort befriedigt entwicklungsschnelle Kinder nicht. Sie wollen, dass du ihnen klipp und klar die Dinge erklärst. Kaum hast du ausgesprochen, haben sie schon die nächste Frage auf den Lippen.
Karsten Wächter: Ich finde, dass diese Kinder im besten Sinne antiautoritär sind. Wenn ich die Gruppe zum Zähneputzen auffordere, dann sagt das hochbegabte Kind: „Nein, ich putze meine Zähne nicht, denn ich habe ja nichts gegessen.“ Alles Weitere wird dann ausdiskutiert. Nur weil ich erwachsen bin, bedeutet das noch lange nicht, dass ich das Sagen habe.
Verhalten sich hochbegabte Mädchen und Jungen unterschiedlich?
Hilke Larsen: Mädchen verstecken ihre Hochbegabung häufig. Sie ziehen sich eher in sich zurück und entwickeln psychosomatische Beschwerden, manchmal werden sie depressiv. Jungs tragen die Hochbegabung öfter nach außen. Sie spielen den Klassenclown oder verhalten sich aggressiv. Eine Hochbegabung wird bei ihnen oft erst durch einen ADHS-Test entdeckt, denn bei dieser Untersuchung wird auch der Intelligenz-Quotient ermittelt. Nicht selten sind die so genannten Schulversager oder Klassenclowns gelangweilte Kinder mit Hochbegabung. Da sie ihre Hochbegabung nicht anders kompensieren können, scheitern sie in der Schule.
Gibt es weitere typische Situationen, wo eine Hochbegabung übersehen wird?
Hilke Larsen: Leider passiert das häufig bei Kindern mit Migrationshintergrund, insbesondere wenn auch noch Sprachschwierigkeiten hinzukommen. Ein türkischer Junge fällt ganz klischeemäßig als Störenfried auf, aber nach seinem Intelligenzquotient wird nur äußerst selten geforscht.
Welche Konsequenzen hat das?
Hilke Larsen: Wir könnten das Forscher- und Entdeckerland sein, stattdessen verschenken wir die Fähigkeiten der Hochbegabten. Um das zu verhindern, müssten wir diese Kinder bereits in der Kita unterstützen. Das ist allerdings personalaufwendig, da diese Kinder häufig Einzelbetreuung benötigen. Um ihnen gerecht zu werden, müsste eine Kita Integrationsgelder kriegen, um mehr Personal einstellen zu können.
Wie ist es für Eltern, ein hochbegabtes Kind zu haben?
Hilke Larsen: Die Leute denken immer, die Eltern können sich glücklich schätzen. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Wir haben oft erlebt, dass sie mit ihren Kindern nicht mehr gern in der Verwandtschaft gesehen werden. „Bitte kommt nicht mehr mit eurem Kind, der räumt alle Schubladen aus …“
Häufig sind auch die ErzieherInnen mit dem Verhalten dieser Kinder überfordert. Sie verstehen nicht, warum das Kind nicht einfach die Regeln respektiert. Leider wird in ihrer Ausbildung auf den pädagogischen Fachschulen selten erwähnt, dass es so etwas wie Hochbegabung überhaupt gibt.
Wie geht ihr in der Kita Wunderkabinett auf die Bedürfnisse dieser Kinder ein?
Hilke Larsen: Wir nehmen uns viel Zeit, um die Fragen der Kinder zu beantworten und recherchieren dafür auch mal im Internet. Wir lassen auch viele Ausnahmen zu, erlauben dem Kind an etwas weiter zu arbeiten, obwohl vielleicht gerade das Essen anfängt. Manchmal kann auch der Praktikant etwas alleine mit dem Kind unternehmen, ihm beispielsweise vorlesen. Wir versuchen, uns Zeit zu nehmen, auch wenn es schwierig ist, weil vielleicht Kollegen krank sind oder im Urlaub. Manchmal müssen wir die Kinder auch vertrösten. Unser Problem ist der Personalschlüssel, der nicht zur angemessenen Betreuung dieser Kinder passt.
Was gefällt euch an der Arbeit mit den hochbegabten Kindern?
Karsten Wächter: Für mich ist es spannend, dass meine Autorität als Erwachsener von diesen Kindern immer wieder überprüft wird, auf eine sehr direkte Art und Weise. Sie möchten wissen, dass man sich mit ihnen streiten kann und dass man sie trotzdem lieb hat.
Hilke Larsen: Ich mag diese ganz besondere Art dieser Kinder, auch das Hinterfragen aller Dinge. Sie sind sehr sensibel und nehmen auch wahr, wenn es dir mal schlecht geht. Ich rede sehr gern mit diesen Kindern und reflektiere mit ihnen. Ich bin ein sehr strukturierter Mensch, ich brauche mein Gerüst, ich weiche aber auch gern davon ab und genau das kann man mit diesen Kindern tun. Das macht mir Spaß. Sie sind der Pfeffer in der Suppe, das ist es einfach!
Vielen Dank für das Interview!
Weitere Informationen über die Kita Wunderkabinett unter www.kita-wunderkabinett.de
Kita Wunderkabinett
Hammer Landstr. 84, 20537 Hamburg * Zum Vergleich: Die Deutsche Gesellschaft für das hochbegabte Kind spricht davon, dass 2 bis 3 Prozent aller Kinder weit überdurchschnittlich intellektuell befähigt sind und somit als hochbegabt gelten. Denkt man sich also eine Gruppenstärke von 33 Elementarkindern, hätte eins davon eine Hochbegabung. Rolf van Melis / pixelio.de |